Gemeinsamkeit ist die Grundlage des Erfolgs –
auch im Gesundheitswesen

Gemeinsamkeit ist die Grundlage des Erfolgs – <br> auch im Gesundheitswesen

Die PRAEVENIRE Gesundheitstage im Stift Seitenstetten beschäftigten sich mit der Frage nach der optimalen solidarischen Gesundheitsversorgung. Meine Teilnahme hat mich dazu bewegt, ein paar Gedanken dazu zu teilen.

Zunächst ein paar Worte zu meiner eigenen Gesundheit: Glücklicherweise bin ich selbst bisher von schweren Krankheiten verschont geblieben und wurde nur hie und da von kleineren Wehwehchen gestreift die – tritt man einen Schritt zurück und betrachtet sein Leben auf der Metaebene – wohl eher einem Kinderschnupfen gleichen. Dennoch habe ich, vor allem durch meine Arbeit bei Kurvenkratzer gelernt, wie schnell sich das Blatt wenden kann. Einschneidende gesundheitliche Veränderungen können auch mich jederzeit treffen. Grund genug, um mich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. Denn: Was weiß ich schon über (meine) Gesundheit?

Ich gehe also als medizinischer Laie in die Diskussionen der PRAEVENIRE Gesundheitstage und spüre dennoch stark dass es hier um Themen geht, in denen jeder sein eigener Experte werden kann.

Die Gesundheitstage stellen, neben zahlreichen anderen Aktivitäten, einen zentralen Event des PRAEVENIRE Gesundheitsforums dar. Es handelt sich dabei um ein Dialogforum, dessen übergeordnetes Ziel der gesunde Mensch in einer gesunden Gesellschaft darstellt. Hier ist ein Jeder dazu aufgerufen, ungeschminkt seine Position zu vertreten – und sei sie noch so kontrovers. Diese Einstellung imponiert mir auf den ersten Blick. Gleichzeitig frage ich mich, wie das gelingen kann.

Bloggertalk Onkologie: Red’ ma drüber

Der erste Programmpunkt stellt sogleich unseren persönlichen Höhepunkt dar: Der PRAEVENIRE Bloggertalk Onkologie, bei dem auch wir von Kurvenkratzer, vertreten durch Gründerin Martina Hagspiel, eine aktive Rolle einnehmen. Zudem mit dabei:

Die Diskussionsgrundlage: Die Sicherstellung einer optimalen onkologischen Versorgung. Auch hier bestätigt sich wieder einmal, dass die Diagnose Krebs vor keinem Lebensbereich Halt macht und sich auf den unterschiedlichsten Ebenen abspielt. Allem voran steht die persönliche Ebene, aber auch im wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und medizinischen sowie gesellschaftlichen Kontext ist das Thema allgegenwärtig.

Im Talk werden unterschiedliche Blickpunkte von den Expertinnen thematisiert. So spricht Mona Knotek-Roggenbauer zum Beispiel darüber wie wichtig es ist, Vorsorge in den Alltag zu integrieren und Bewusstsein für das Thema bereits im Kindesalter zu schaffen. Martina Denich-Kobula, die sich übrigens auch im Vorstand des Vereins „Kurvenkratzer – InfluCancer“ engagiert, bringt die wirtschaftliche Perspektive und die Bedeutung einer möglichst unkomplizierten Wiedereingliederung von Patienten in den Arbeitsmarkt aufs Tapet. Claudia Altmann-Pospischek, als metastasierte Brustkrebspatientin selbst unmittelbar betroffen, gibt persönliche Einblicke und spricht darüber wie es ihr gelingt, trotz Diagnose ein gutes Leben zu führen. Dabei sind neue Lösungen für die Zukunft für sie von fundamentaler Bedeutung, um ihr dieses gute Leben ermöglichen zu können. Und wir von Kurvenkratzer? Wir fühlen uns als die „jungen Wilden“ dazu verpflichtet, mutig und frech an das Thema heranzugehen. Wir wollen Aufklärungsarbeit leisten und einen guten Wissenstransfer sicherstellen, vor allem was die persönliche und emotionale Komponente betrifft. Denn hier fehlt es unserer Meinung nach noch an Informationsmöglichkeiten.

Von Vorsorge und Aufklärung über Digitalisierung und Personalisierung bis hin zu Tabubruch und wirtschaftlichen Aspekten: Die Diagnose Krebs stellt die Welt auf den Kopf. Nicht nur die eigene, sondern auch die von Angehörigen und Begleitern. Umso schöner ist es für mich zu sehen, dass am Ende des Gesprächs alle Diskutantinnen eine gemeinsame Vision teilen. Ob Vereinspräsidentin, Breast Care Nurse, Ärztin oder Betroffene, schlussendlich plädieren sie alle für dasselbe: Empathie und menschenzentriertes Handeln.

Nur ein utopischer Wunschtraum?

Ich fühle mich, beflügelt vom Spirit der Runde, bereit die Welt zu einem gesünderen Ort zu machen. Oder zumindest mit dabei zu sein, wenn das passiert. Doch je mehr ich darüber nachdenke, umso stärker macht sich Unwohlsein in mir breit. Was im ersten Moment so richtig und romantisch klingt, verwandelt sich in meinem Kopf nach und nach zu einem aussichtslosem Unterfangen.

Gesundheit und Krankheit sind in unserer Gesellschaft immer auch ein finanzielles und wirtschaftliches Thema. An allen Ecken und Enden fehlt es an den notwendigen Ressourcen, um eine ausreichende und umfassende medizinische Betreuung sicherzustellen. Der hohe Innovationsdruck sowie exponentielle Entwicklungen in Wissenschaft und Forschung erfordern spezialisierte Aus- und Weiterbildungen, um mit den Veränderungen Schritt halten zu können. Das alles kostet. Wie soll also diese idealistische Wunschvorstellung Realität werden, in einer wachsenden Gesellschaft, in einer Gesellschaft die auf Profit und Effizienz ausgerichtet ist?

Zum Glück bin ich an diesen Tagen umgegeben von vielen klugen Köpfen, die sich mit genau diesen Themen auseinandersetzen. Ich nutze also die Zeit, um mich vom weiteren Rahmenprogramm inspirieren zu lassen und weiterzubilden. Ich lerne viel, werde in einigen meiner Ansichten bestätigt und gewinne neue Einblicke.

Gesundheit = Lebensqualität

Bereits die einführenden Worte von PRAEVENIRE Vereinspräsident Hans Jörg Schelling hinterlassen bei mir Eindruck. Er spricht über unser aller Gesundheit und wie diese das Fundament für die Bewertung der Lebensqualität bildet, über Glücksforschung in Zusammenhang mit physischem sowie geistigem Wohl. Und er widmet sich künftigen Entwicklungen, die während der Gesundheitstage diskutiert werden sollen.

Die darauffolgenden Vorträge und Diskussionen machen mir deutlich, dass sich so rasch wie möglich einiges ändern muss. Mir wird klar: Die wachsende und älter werdende Bevölkerung sowie (notwendige) Kostentreiber im Gesundheitswesen stellen uns vor enorme Herausforderungen, die wir nur gemeinsam bewältigen können.

Was mir bei den PRAEVENIRE Gesundheitstagen auffällt und gefällt: Es geht hier nicht um Selbstbeweihräucherung oder darum, eine möglichst spektakuläre Leistungsschau zu bieten. Es geht um das Wesentliche: Die Optimierung der solidarischen Gesundheitsversorgung. Unabhängig von politischen Ansichten und losgelöst von wirtschaftlichen Interessen. Bottom-up vor Top-down, im Mittelpunkt stets das Miteinander aller Interessensgruppen. „Structure follows strategy“ lautet das Credo des Vereins. Und das spürt man.

Was ich von meiner Zeit bei den PRAEVENIRE Gesundheitstagen mitnehme

Nach einer Reihe anregender Inputs verlasse ich die Räumlichkeiten des Stifts Seitenstetten, vollgepackt mit vielen neuen Eindrücken von denen ich ein paar Anregungen an dieser Stelle gerne teilen möchte. Zur freien Entnahme und Meinungsbildung:

  • Wir neigen dazu, uns mit Systemen zu beschäftigen anstatt uns zu überlegen, wer davon betroffen ist.
  • Wir denken nicht in Generationen, sondern in kleinen Zeitperioden. Das hilft uns in der Gesundheitspolitik nicht weiter. Um Schritt zu halten braucht es Weitsicht und eine flexible, vorausschauende Strategie, die eine optimale Umsetzung ermöglicht.
  • Leistungen und Angebote müssen stets zum Wohle des Patienten vernetzt werden.
  • Die Zuwendungsmedizin verfügt nicht über die notwendigen Gelder, um den Patienten in den Mittelpunkt zu stellen. Dabei sollte hierauf der Fokus gelegt werden.
  • Empathie ist der Schlüssel zum Erfolg in der Patientenbetreuung. Einen wichtigen Aspekt stellt hierbei die verbesserte Schulung von Ärzten und medizinischem Personal dar.
  • Die Zukunft der Medizin liegt verstärkt in zielgerichteten und personalisierten Therapieformen, um Krankheiten so schonend wie möglich den Kampf anzusagen.
  • Es ist von enormer Bedeutung, den Spagat zwischen Digitalisierung und Personalisierung zu schaffen, um den Menschen nicht aus den Augen zu verlieren.
  • Das Ziel sind nicht mehr Lebensjahre, sondern mehr gesunde Lebensjahre.

Am Ende des Tages habe ich zwar keine konkrete Antwort auf meine Fragen gefunden, bin aber davon überzeugt dass es Initiativen wie das PRAEVENIRE Gesundheitsforum braucht, um etwas bewegen zu können.

Krankheit ist ein Kostenfaktor, Gesundheit eine Investition

Wir haben das große Glück in einem Land zu leben, das über einen vergleichsweise niederschwelligen und sehr guten Zugang zu medizinischer Versorgung verfügt. Gleichzeitig gibt es an vielen Stellen massiven Anpassungs- und Aufholbedarf, der nur durch ein effektives Zusammenspiel von Stakeholdern bewältigt werden kann. Anstatt von Nachsorge sollte dabei Vorsorge als zentralen Anliegen in den Fokus rücken.

Die „PRAEVENIRE Initiative Gesundheit 2030“ ist ein überparteilicher Aufruf zur gemeinsamen Verbesserung der Gesundheitsversorgung und, wie ich finde, ein erster Schritt in die richtige Richtung auf dem Weg zu einem nachhaltigen Gesundheitssystem. Unter anderem soll ein Weißbuch, das in Zusammenarbeit mit Patienten, Ärzten, Kommunen und Experten erstellt wird, Empfehlungen zur Neustrukturierung der medizinischen Versorgung liefern. Dieses Expertenpapier will der Verein im kommenden Jahr der Regierung übergeben um auf den Reformbedarf aufmerksam zu machen und Lösungsansätze anzubieten. Danach liegt es an ihr, weitere Schritte einzuleiten.

In diesem Sinne: Liebe Entscheidungsträger, bitte legen Sie Ihre Befindlichkeiten und politische Orientierung für einen Augenblick zur Seite und konzentrieren sich auf das Wesentliche – den gesunden Menschen in einer gesunden Gesellschaft. Denn, so überholt das Folgende auch klingen mag: Gesundheit ist unser höchstes Gut! Diese, so scheint es, triviale Floskel darf nicht erst dann an Bedeutung gewinnen, wenn das eigene körperliche oder geistige Wohl in Gefahr ist. Durch frühzeitiges Handeln und entsprechende Vorsorge können wertvolle Ressourcen eingespart und für andere Zwecke verwendet werden. Und das macht auch aus einer wirtschaftlichen Perspektive Sinn.

Im Wissen dass uns, bis hin zu einer optimierten solidarischen Gesundheitsversorgung noch ein langer Weg bevorsteht, bin ich unendlich dankbar für jeden Einzelnen, der sich für die gute Sache und die Menschen dahinter engagiert, denn genau das sind die Leute die wir brauchen, um das System Stück für Stück zu verändern.