Komm’ gut durch die Therapie: Motivationstipps gegen Klinikkoller und für harte Zeiten.

Komm’ gut durch die Therapie: Motivationstipps gegen Klinikkoller und für harte Zeiten.

So richtig weiß ich noch nicht, wie ich diesen Blogbeitrag anfangen soll, oder wie er am Ende aussieht und wo er hinführt. Die Zielsetzung zu Beginn ist auf jeden Fall, dir meine Sichtweise auf einen erleichterten Umgang mit der (Chemo-)Therapie zu geben. 

Hast du erstmal die eigentliche Diagnose Krebs einigermaßen verarbeitet, folgen bald schon die nächsten anstrengenden Schritte. Die Liste ist mit Sicherheit nicht abschließend und hat garantiert Potential für Fortsetzungen. Diese werde ich dann nach und nach hier einstreuen.

  • Portlegung
  • Chemo- oder Antikörpertherapie
  • ggf. Rückenmarkspunktion
  • CT- und MRT-Untersuchungen mitsamt nervenaufreibender Wartezeiten auf Befunde
  • Krankenhausaufenthalte
  • zwischenmenschliche Herausforderungen
  • generelle sonstige Themen rund um deine Genesung (Ernährung, Ziele, usw.)

BEFREIE DICH VON DER ANGST.

Auch wenn es vielleicht einfacher gesagt als getan klingt: Versuche dich von der Angst frei zu machen. Vor dir liegt ein steiniger Weg – und der ist ohnehin schon hart genug. Belastest du dich nun auch noch zusätzlich mit Ängsten und Sorgen, raubst du dir selbst wichtige Ressourcen, die du für deinen Kampf brauchst. Ich weiß selbst, dass unser Gehirn uns allerhand Steine in den Weg legen kann. Aber lass dir gesagt sein: Psychologen haben herausgefunden, dass 90 % aller Befürchtungen, die wir uns machen, überhaupt nicht eintreten. Die restlichen 10 % können dann spontan geregelt und gelöst werden. Klingt doch gut, oder? Die meisten Sorgen sind tatsächlich unbegründet, wie ich dir an einem Beispiel von mir selbst zeigen kann. 

Was ist, wenn ich nicht wieder aus der Narkose aufwache?“

Das war tatsächlich meine Befürchtung, als mir der Port gelegt werden sollte. Ich war derart verängstigt, dass ich drauf und dran war, meiner Freundin alle Bankpasswörter per Whatsapp zu schicken, damit sie an meine paar Kröten kommt, falls ich nicht wieder aufwachen sollte. Wie irrational diese Angst war, zeigen ein paar Statistikzahlen:

  • In Deutschland werden pro Jahr rund 10.000.000 Operationen unter Vollnarkose durchgeführt.
  • Die Mortalität durch Narkose liegt bei etwa 70 Todesfällen pro Jahr. 

Das macht eine Wahrscheinlichkeit von 1:142.857 oder in Prozent: 0,000007 %. 

Noch einige Vergleiche in dem Zusammenhang:

  • Die Wahrscheinlichkeit an einer Grippe zu sterben, liegt bei 1:36
  • Das Risiko bei einem Autounfall ums Leben zu kommen, beläuft sich auf 1:90
  • Bei einem Glatteisunfall umzukommen ist mit 1:218 auch noch wahrscheinlicher

Ich würde gern noch dazuschreiben, dass es wahrscheinlicher ist, von einem Hai getötet zu werden, ist es aber nicht. Das scheint mir aber auch plausibel, denn in den meisten OP-Sälen gibt es nun mal mehr Anästhesisten als Haie. 😉 Aber auch das Risiko, bei einem Sturz von einer Leiter umzukommen ist exakt doppelt so hoch, wie das Mortalitätsrisiko bei der Narkose. 

Das hilft doch, oder? 

TAUSCHE DICH MIT ANDEREN PATIENTEN AUS

„Ich weiß überhaupt nicht, was mich erwartet!“

Deine Freunde, Familie und Angehörige werden versuchen, dich zu unterstützen, wo sie nur können. Aber es sind und bleiben deine Freunde, Familie und Angehörigen. In den wenigsten Fällen mussten sie bereits das durchmachen, was dir bevorsteht. Daher mein Tipp: tausche dich mit anderen Patienten aus. Mir hat das sehr geholfen. Anfangs habe ich mich auf „googlen“ beschränkt, was mir allerdings nicht viel Hoffnung gemacht hat. Denn hier war die Statistik ausnahmsweise mal nicht mein Freund. Denn: 

  • Laut Statistik erkranken pro Jahr fast 500.000 Menschen in Deutschland an Krebs. 
  • Meine Krebsart, das Hodgkin-Lymphom, verschwindet dabei mit weniger als 2.500 Erkrankungen pro Jahr ziemlich (0,5 %). 

Der Lungenkrebs ist bei Männern die dritthäufigste Krebsart. Mit dieser Prognose, dachte ich mir, werde ich wohl nicht viele Mitglieder der „Hodgkin-Family“ kennenlernen. Ich sollte mich irren.

Allein in der Klinik hatte ich mit genauso vielen Hodgkin-Patienten zu tun, wie mit Lungenkrebspatienten. Das tat gut, denn so konnte ich mir schon mal ein Bild machen, was für einen Eindruck diese Patienten auf mich machen. Denn auch hier hatte ich bereits ein negatives Bild im Kopf:

Ende November 2019, also noch während des Diagnostikmarathons musste ich mich für diverse Sonographien und Punktionen zwei Tage stationär in der Klinik einfinden. Hier hatte ich leider das „Pech“, mir das Zimmer mit einem Mitpatienten teilen zu müssen, der seine Chemotherapie nicht so richtig gut vertrug. Am laufenden Band musste er sich übergeben und hatte mit massive Magen-/Darm-Problemen zu kämpfen. Und ich? Ich hoffte nur insgeheim: „Sollte ich jemals eine Krebstherapie durchmachen müssen, bitte lass diesen Übelkeitskelch an mir vorbeigehen!“.

Nun muss man aber auch sagen, so komisch das klingen mag: „Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Medizin richtig weit ist. Noch vor 15, 20 Jahren hätten unsere Prognosen wahrscheinlich alle deutlich düsterer ausgesehen. Und auch darüber kann man sich hervorragend austauschen. Nutze dazu am besten alle Kanäle, die dir zur Verfügung stehen:

  • Instagram (Einzelprofile, Profile von krebsspezifischen Hilfsorganisationen)
  • Facebook (Einzelprofile, Seiten von krebsspezifischen Hilfsorganisationen, Gruppen zum Thema Krebs für Betroffene und Angehörige)
  • Website und Blogs zum Thema

Für alle Kategorien werde ich mittelfristig noch eine Linksammlung machen. Ich muss mich da aber selbst erst einmal etwas orientieren. Am Ende des Tages möchte ich dir natürlich nur Anlaufstellen empfehlen, wo du dich auch wohlfühlst und nicht denkst: „Oh Gott, was ist hier denn nicht richtig!“. Denn am Ende musst du dich wohlfühlen, denn sonst kommen wir zwangsläufig in den Dunstkreis des nachfolgenden Personenkreises:

HALTE DICH VON TOXISCHEN PERSONEN FERN!

Die Gratwanderung zwischen negativen Menschen und toxischen Personen ist fließend. Von beiden Personengruppen solltest du dich möglichst fernhalten. Du wirst immer wieder auf Typen treffen, für die alles immer ganz schrecklich ist, die sich in ihrem eigenen Leid laben, dir schreckliche Bilder in den Kopf setzen wollen oder dir Schreckensszenarien auftischen. Hier hast du eigentlich nur zwei (gute) Möglichkeiten:

  • radikale Akzeptanz (dann darfst du das Erzählte aber nicht an dich rankommen lassen) oder
  • Abkehr von diesen Menschen

Ich selbst hatte bislang 4 nennenswerte Erlebnisse dieser Art:

Nummer eins war jemand, den ich in einer Krebsgruppe „kennengelernt“ habe. Derjenige schrieb mir dann unvermittelt Nachrichten über den facebook-Messenger. Aber ziemlich zusammenhanglos, so dass ich überhaupt nicht wusste, was er von mir möchte. Er berichtete davon, dass „Menschen von der Decke“ hingen. Ich nehme an, er hat von Nebenwirkung durch die ihm verabreichten Morphine gesprochen. Verstanden habe ich es bis heute nicht. Er hat es auch nie aufgeklärt. Halte dich am besten von solchen Personen fern. Gerade im Social Media Bereich, wo der Großteil der Kommunikation auf dem geschriebenen Wort basiert, entstehen sonst schnell Missverständnisse.

Der zweite und dritte Fall ähneln sich sehr stark! Bei beiden Malen war jeweils ein älterer Herr der Mittelpunkt. Beide jeweils um die 80 Jahre alt (geschätzt). Beide waren leider sehr negativ eingestellt und wenig kommunikativ. Ich möchte das auch gar nicht verurteilen, aber es kann einen schon ganz schön runterziehen, wenn man tagelang sprichwörtlich und auch realistisch nur „nebeneinander herlebt“. Vielleicht liegt es auch einfach in der Mentalität älterer Menschen, dass sie nicht so aufgeschlossen sein können. Aber nicht nur sich selbst stehen die Menschen damit im Weg – sondern auch den anderen Patienten. Meistens trauen sie sich vielleicht auch nicht, um Hilfe zu bitten – sowohl andere Patienten, als auch das Pflegepersonal und machen es dadurch sich selbst und auch anderen schwer. Denn dadurch kommen sie in eine Abwärtsspirale aus Schmerzen, die ohne Hilfe nicht besser wird und Schmerzäußerungen, wie Stöhnen und klagen. Dadurch bedrohen sie auch die Genesung der anderen Patienten. Nun kann man diese Zimmergenossen aber schlecht des Raumes verweisen oder auf eigenen Wunsch umbetten lassen. Aber was du tun kannst: Ermutige diese Menschen, die Klingel zu drücken, wenn es ihnen nicht gut geht. Oftmals haben ältere Menschen in ihrem Leben viel Leid erlebt. Oder frage sie, ob du für sie klingeln sollst. Damit hilfst du nicht nur deinem Gegenüber, sondern im Endeffekt auch dir selbst. Keinem von euch ist geholfen, wenn ihr euch beide die Nacht um die Ohren schlagt und nicht zur Ruhe kommt. 

Ein weiterer Fall war ein Patient, der zwar an Krebs erkrankt war, aber zu diesem Zeitpunkt eher wegen schlechter organischer Werte in der Klinik war. Alles in allem machte er einen fitten Eindruck, nur seine Einstellung im Kopf schien ihm selbst im Weg zu stehen. Den ganzen Tag blieb er im Bett, obwohl er mobil war, immer wieder stöhnte er in seinem Bett vor sich hin. Am ersten Tag war er der Meinung, er müsse mir seinen Chemoplan zeigen und mit meinem zu vergleichen. Er war doch tatsächlich der Meinung, sein 4 Tage langer Zyklus mit 4 Medikamenten sei „richtig schlimm“. Den Stich gewann ich dann mit meinem 14-Tages-Zyklus und insgesamt 16 Medikamenten knapp. Danach wusste er wohl, dass er bei mir mit seiner „weinerlichen“ (das Wort klingt mir eigentlich zu hart, aber mir fällt nichts passenderes ein. Hilfestellung gern willkommen!) Art nicht weit kommen wird. Dafür probierte er es mit Hundeblick bei den Schwestern und dem restlichen Pflegepersonal. Auf die morgendliche Frage: „Na, wie geht es uns denn heute?“ antwortete er immer: „Ja, gut, aber…“, was mich direkt zum nächsten Punkt führt:

STREICHE RELATIVIERENDE EINWANDSWÖRTER!

„Mir geht’s gut, aber…“

Äußerungen wie diese verstehe ich einfach nicht. Entweder es geht mir gut, dann sage ich es, oder es geht mir nicht so gut. Beides zusammen geht jedoch nicht. Genau das impliziert der Aufbau aber. Geht es dir gut, dann sag es. Geht es dir nicht so gut, dann sag auch das. Aber bitte, relativier es nicht mit Sätzen wie:

  • Es geht mir gut, aber…
  • Eigentlich fühle ich mich fit…
  • Heute geht es mir schon recht gut.

Das klingt irgendwie alles nach nichts halbem und nichts ganzem. Und damit können dann auch weder die Ärzte noch das Pflegepersonal richtig gut arbeiten. Also entrümpel doch einfach deinen Wortschatz um diese leeren Füllworte. 

REDE OFFEN MIT DEN ÄRZTEN UND DEM PFLEGEPERSONAL!

Wenn du dir dann angewöhnt hast, auf Füllwörter, wie „aber“, „eigentlich“ und „recht/ziemlich“ zu verzichten, dann kannst du auch offener mit den Ärzten und dem Pflegepersonal sprechen. Sie wissen dann nämlich genau, woran sie bei dir sind. Und genauso kannst du deine Fragen in die Richtung des Personals stellen. Wenn du dir unsicher bist, dann frag. Getreu dem Motto:

„Es gibt keine doofen Fragen, nur doofe Antworten!“

werden dir die Ärzte gern Auskunft auf alle deine Fragen geben. Ist es doch auch ihr Job – und nochwas: je offener und ehrlicher du bist, desto offener und ehrlicher werden auch die Klinikangestellten sein. Und gerade, wenn du, wie ich oft tage- oder wochenlang deine Chemozyklen stationär bekommst, wird das Personal wie eine Art zweite Familie für dich. Und du wirst dankbar sein und dich freuen, wenn du ein lächeln, ein offenes Ohr oder einfach nur ein nettes Wort von ihnen bekommst. Bei mir war es in jedem Zyklus so, dass gegen Abend, wenn es etwas ruhiger wurde, jemand vom Personal nochmal kurz auf einen kleinen Schwatz oder ein aufmunterndes Wort vorbeikam. 

MACH DIR BEWUSST, DASS ES IMMER MENSCHEN GIBT, DENEN ES SCHLECHTER GEHT ALS DIR!

Normalerweise sind wir darauf trainiert, uns mit anderen zu messen, zu vergleichen und zu schauen, was andere besser machen als wir oder tolleres haben. Wenn es aber darum geht, in den Kampf gegen den kleinen Sausack Krebs zu gehen, ist das eine weitere Negativsuggestion, die du deinem Kopf unterbewusst mitgibst. Konzentrierst du dich auf scheinbar gesunde Menschen, denen „es doch viel besser geht als mir selbst“, nimmst du dir wichtige Ressourcen, die du brauchst. Das ganze kommt aus dem Segment der sogenannten „Achtsamkeit“. Jeder Mensch ist in der Lage, seine Gedanken und seinen Fokus selbst in gewisse Richtungen zu steuern! Wenn du also jemand bist, der sich sonst immer mit anderen vergleicht, kannst du dich auch darauf fokussieren, wie (verhältnismäßig) gut es dir eigentlich geht. Mir hat diese Technik sehr geholfen, mich so lang wie möglich nicht den negativen Gedanken, die zwangsläufig jeden betreffen hinzugeben. Im ersten Zyklus waren es bei mir z. B. die Patienten, die mit dem Rettungshubschrauber in die Klinik eingeliefert werden mussten. Ich kann ja noch selbstständig in die Klinik watscheln. Im zweiten Zyklus waren es Patienten, deren Prognose auf Grund von Metastasen nicht so gut standen. Wie viel Glück hatte ich da doch noch, dass der Krebs bei mir noch nicht gestreut hat. Jetzt im dritten Zyklus sind es die Patienten, die nicht aufstehen können, die spezielle Matratzen bekommen, um das Wundliegen, den sogenannten Dekubitus, zu verringern. Ich kann doch noch selbstständig aufstehen und rumlaufen.

Klar, du könntest dich auch der negativen Seite hingeben. Das würde dann wohl so klingen:

  • „Oh, wie schlimm, ich habe jetzt Krebs!“
  • „Das wird doch nie wieder richtig gut!“
  • „Was ist, wenn ich es nicht schaffe?“
  • „Meine Kinder dürfen mich auf meinem Zimmer nicht besuchen, weil sie noch zu klein sind!“

Das alles waren kurzzeitig meine Gedanken während der Chemos. ABER: bringt es was? Ändert jammern etwas an der Situation? Ich sage: „Nein!“. 

Stattdessen habe ich die obigen Sätze für mich folgendermaßen umformuliert:

  • „Ja, ich habe Krebs! Aber ich kann ihn besiegen. Und ich werde ihn besiegen!“
  • „Wenn das ganze Thema durch ist, freue ich mich auf ein aktiveres, gesünderes Leben!“
  • „Weiter so, dann ist es bald geschafft!“
  • „Ich freue mich, dass meine Kinder gesund sind. Und zum Glück können wir uns im Innenhof der Klinik treffen und eine schöne Zeit miteinander verbringen.“

Es gibt da so einen Spruch, der ist zwar abgedroschen, aber genauso wahr:

„Wer will findet Wege, wer nicht will, der findet Gründe!“

Leider kenne ich den Urheber des Satzes nicht. Wenn du dazu vielleicht was weißt, dann kannst du mir ja einen Kommentar dazu dalassen, dann kann ich das hier ergänzen.

TRAU DICH, UM HILFE ZU BITTEN!

Irgendwann wirst du an einen Punkt kommen, an dem du vielleicht nicht weiterweißt. Dann heißt es: TRAU DICH, UM HILFE ZU BITTEN. Egal, was es ist, für alles gibt es eine Lösung. Du musst nur drüber sprechen. Wie auch beim Thema mit der Angst (ganz oben) bestehen die meisten Limitierungen nur in deinem Kopf.

  • „Was sollen die Leute denken?!“
  • „Ich trau mich nicht!“
  • „Das schaffe ich ja so oder so nicht!“

Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden. Also sprich darüber, wenn dir was wehtut oder du anderweitige Sorgen hast.

GIB DEINEM KÖRPER GESUNDES – ABER GÖNN DIR AUCH WAS!

Du wirst bemerken, dass du während der Chemotherapie plötzlich andere Vorlieben entwickelst als vorher. Bei mir ließ es sich am besten daran bemerken, dass sich mein Appetit auf Süßigkeiten in allen Variationen deutlich reduzierte. Dafür feierte ich plötzlich Brote mit Tomatenscheiben drauf, aß zuerste die Erbsen und Möhren und danach erst die Fleischkomponente auf meinem Teller, bevorzuge Saftschorlen statt gesüßter Softdrinks und greife eher zu Haferflocken mit Joghurt, Obst und Nüssen zum Frühstück als zur Nutellaschrippe. Der Körper ist ein erstaunliches Konstrukt und zeigt dir ganz genau, was er wann und in welcher Form braucht. Du musst nur auf ihn hören. Aber lass dich auch nicht von (meist selbsternannten) Ernährungsgurus verrückt machen. Du musst nicht gänzlich auf Fleisch, Zucker oder andere Dinge verzichten, die du vorher gern verzehrt hast. Also gönn dir auch mal was „nicht so gesundes“. Auch bei mir gibt es diese Phasen immer wieder. Erst beim letzten Einkauf hatte ich in der Getränkeabteilung ein ziemliches Verlangen nach Cola-Orangen-Mix. Ich habe mir zwei Flaschen mitgenommen – zusammen mit Multivitamin-, Apfel- und Kirschsaft. Auch Süßigkeiten finden immer mal wieder den Weg auf meinen Speiseplan. Oder, wenn es das Portmonee zulässt: eine Schlemmertasche aus der Bäckerei in der Klinik. Die ist megalecker.

  • Käsebrötchen
  • Remoulade
  • Kochschinken oder Putenbrustschinken
  • Käse
  • Gurke
  • Tomate
  • Salat

Das ist für mich momentan das kulinarische Paradies, daran kann ich mich nicht satt essen. Da ist einfach alles drin, dran, drauf was ich liebe. 

Denn: nur weil wir Krebs haben, heißt das ja noch lange nicht, dass wir das Leben nicht trotzdem genießen dürfen, oder? 

SORG FÜR AUSREICHEND BEWEGUNG – WENN ES MÖGLICH IST!

Bewegung ist wichtig. Sowohl für den Kopf, als auch für den Körper – und auch sowohl die körperliche Bewegung, als auch die Geistige. Wenn du also nicht bettlägerig bist, sorg dafür, dass du jeden Tag eine Runde läufst. Egal, ob durch die Klinik, den Klinikpark (wenn es einen gibt) oder einfach nur um das Gebäude. Wenn du mit den Ärzten darübr sprichst, werden sie dir bestätigen, dass Bewegung gut ist. Und vielleicht könnt ihr absprechen, dass du vielleicht auch in einem gewissen Radius das Klinikgelände verlassen kannst. Ich für meinen Teil gehe immer gern zum Supermarkt in der Nähe der Klinik. Ist zwar „nur“ ein knapper Kilometer, reicht aber aus um den Körper in Schwung zu bringen und den Kopf mit frischer Luft zu fluten. Und ausserdem: Unter Einfluss von Chemomedikamenten kann man auch für einen Kilometer schon eine gute Zeit brauchen. Ich fühle mich manchmal wie eine Schildkröte auf Valium. 😀 

GENIESSE DINGE, DIE DIR SPASS MACHEN!

Ich für meinen Teil lache sehr gerne. Das war schon immer so. Deshalb umgebe ich mich auch gern mit anderen Menschen die gern lachen und positiv sind. In der Klinik ist das oftmals nicht so einfach. Deshalb versuche ich hier anderweitig Dinge zu konsumieren, die Spaß machen. So kannst du dir im TV, auf Online-Streamingportalen oder auf Tonträgern witzige Filme, Hörspiele / Hörbücher oder Comedyprogramme ansehen oder anhören. Auch das gute alte Witzebuch funktioniert immer noch so gut wie eh und je. Darüber hinaus ist es mir auch immer wichtig, dass meine Freunde und ich weiterhin rumblödeln, wenn sie zu Besuch kommen. Kleine Kostprobe aus dem Bereich des Paradoxen?

  • Schwarze Johannisbeeren sind, wenn sie noch rot sind eigentlich noch „grün“. 
  • Es ist paradox ist, wenn ein Trabantfahrer sagt: „Der ist nicht von Pappe!“. 
  • Oder wenn eine Kuh einen Ochsen anstiert. 
  • Oder wenn man sich im Handumdrehen ein Bein bricht.

Zum Abschluss dieses Abschnitts möchte ich es mir dann nicht nehmen lassen und ein Video eines meiner Lieblingscomedians einzufügen. Denn wie sagt man so schön: „Lachen ist die beste Medizin!“. Ausser bei Durchfall!

HOLE ANDERE MIT INS BOOT!

Unterstützung ist wichtig. Je mehr Leute Bescheid wissen, desto besser – je vielfältiger die Wissenstände der einzeln, umso wertvoller. Das zählt für alle Bereiche des Lebens. Neben der oben erwähnten Leidenschaft zum Lachen ist die Musik mein ständiger Begleiter. Bin ich mal down, hilft mir die Musik abzuschalten und zur Ruhe und Besinnung zu kommen. Daher habe ich mir bei dem von mir favorisierten Streamingdienst eine Playlist angelegt, in die jeder, der den Link hat, einen oder mehrere Songs beitragen kann. So sind über meine Chemozyklen bereits fast 250 Songs zusammengekommen. Die Playlist läuft fast ausschließlich bei mir auf heavy rotation. Und mit jedem Song weiß ich, dass Menschen hinter mir stehen, mich unterstützen und mit den Songs an mich denken.

SETZE DIR ZIELE!

Nichts ist frustrierender, als nicht zu wissen, was kommen wird. Dadurch verfällst du leicht in Lethargie und raubst dir erneut die wichtige Energie, die du für deinen Weg durch die Therapie brauchst. Ich habe mir angewöhnt, mir Tag für Tag kleinere und mittel- bis langfristig größere Ziele zu formulieren, die ich umsetzen möchte. Im Tagwerk sind das eher Kleinigkeiten, wie:

  • Zu Fuß zum Einkaufen zu gehen
  • Mehr Lebensmittel in Glasbehältern kaufen – weniger Kunststoff- und Metallverpackungen
  • Weniger zuckerhaltige Softdrinks, dafür mehr Fruchtsaftschorlen
  • Mehr selbst kochen, weniger „Fertigfutter“
  • Öfter das Rad statt das Auto nehmen

Mittelfristig habe ich mir Ziele gesetzt, die für die Zeit nach der Chemotherapie und Reha relevant werden. Sie haben eher Belohnungscharakter als Anerkennung an mich für die geleistete Arbeit, die ich hinter mich gebracht habe:

  • Mit meiner Familie ein bestimmtes Konzert besuchen.
  • Mit einem Camper nach Norwegen und Nordlichter fotografieren
  • Mehr Zeit mit der Familie verbringen und diese bewusster genießen
  • Medienzeit messbar reduzieren und das Smartphone öfters mal beiseite legen.

Meine langfristigen Ziele sind bislang noch nicht so zahlreich, da ich mich aktuell mehr auf das „hier und jetzt“ fokussiere und eher mittelfristig plane. Zwei Ziele habe ich aber bereits gefasst, an denen ich auch jetzt schon teilweise jeden Tag etwas arbeite:

  • 2020/2021: Gründung eines kleinen gemeinnützigen Vereins oder Stiftung, um nach all dem Support, den ich während meines Weges erfahren durfte, auch etwas an andere zurückzugeben.
  • 2022: Teilnahme an einem bestimmten Crossfit-Wettbewerb 

Wichtig bei allen Zielen ist, dass du sie so genau wie möglich fomulierst. „Ich will mich gesünder ernähren“ ist nicht so spezifisch wie „Ich möchte versuchen, an 3 Tagen pro Woche auf gesüßte Getränke zu verzichten!“. In meinem Arbeitsleben habe ich bislang recht viel mit Projekten und Zielen Kontakt gehabt. Das half mir bereits sehr bei der guten Definition von Zielen. Eine sehr gute Regel dafür ist zum Beispiel die sogenannte „SMART“-Regel. Hierbei steht jeder Großbuchstabe für eine Zieleigenschaft:

  • S; Spezifisch – benenne dein Ziel so genau wie möglich
  • M: Messbar – definiere die Häufigkeit und die Qualität, die du bei deinem Ziel erreichen möchtest
  • A: Ausführbar – Setze dir Ziele die erreichbar sind.
  • R: Realistisch – Dein Ziel sollte mit deinen Mitteln erreichbar sein
  • T: Terminiert – Wann möchtest du das Ziel erreicht haben?

Zum Schluss noch ein gutes und ein schlechtes Beispiel von Zielen:

Schlechtes Beispiel: „Ich möchte wie Superman sein!“.
Wieso ist das ein schlechtes Beispiel? Die „SMART“-Formel verrät es uns:

  • Ist es „spezifisch“? Nicht wirklich, oder? Was genau macht „Superman“ denn aus? Und was davon ist es, dass du erreichen möchtest? Dir die Nächte um die Ohren schlagen und Menschen retten? Aussergewöhnliche körperliche Resistenz? Schicke Spandex-Klamotten?
  • Ist es „messbar“? Auch nicht so richtig. Woran macht man fest, wie oft Superman Superman ist? Ist Superman immer Superman oder auch oft nur Clark Kent
  • Ist es „ausführbar“? Die wenigsten von uns werden vom Planeten Krypton stammen – und ein Prozedere, dass uns in Superman transformiert, ist mir (leider) nicht bekannt. Also: neeee, next!
  • Ist es „realistisch“? Ich mach es kurz: Nein! Ich hab selbst schon oft genug versucht, Superman zu werden / zu sein. Ich bin halt einfach Alex.
  • Ist es „terminiert“? Das Ziel „Ich möchte wie Superman sein“ verfügt über kein Anfangs- und oder Enddatum. Also auch hier nein. In der Schule würde man für so eine Zielformulierung wohl eine 6 kassieren. Setzen!

Ein wesentlich besseres Beispiel ist das Folgende: „Ich möchte ab morgen mindestens 2x pro Woche für jeweils 30 Minuten in meinem Fitnessstudio ein Cardiotraining absolvieren!“. Gehen wir auch hier mal in die Analyse:

  • Ist es „spezifisch“? Ich finde schon. Wir haben das Ziel sehr genau definiert. Sogar an einen Startzeitpunkt haben wir gedacht.
  • Ist es „messbar“? Auch das! Denn am Ende der Woche kannst du dir ja sehr einfach beantworten, ob du dich 2x oder öfters im Studio abgerackert hast!
  • Ist es „ausführbar“? Wenn du bereits in einem Fitnessstudio angemeldet bist, dann uneingeschränkt „ja“. Wenn nicht, kannst du dich anmelden – also auch „ja“.
  • Ist es „realistisch“? 2x pro Woche ein moderates Cardiotraining von 30 Minuten Länge zu absolvieren halte ich für sehr realistisch. Anders sähe es dann schon bei einer Dauer von 3 bis 4 Stunden aus.
  • Ist es „terminiert“? Du hast das Ziel zumindest auf einen Anfang („ab morgen“) und einen Umfang („für jweils 30 Minuten“) definiert. Die Königsklasse wäre dann auch noch ein Enddatum („für die Dauer von 6 Monaten.“). Da aber Cardiotraining immer gut ist, drücken wir hier ein Auge zu. Cardiotraining geht immer – auch für den Rest deines langen, gesunden, glücklichen Lebens!

LASS DIR ZEIT – GUT DING BRAUCHT WEILE!

Du hast dir alle diese Tipps zu Herzen genommen, aber es klappt trotzdem noch nicht so richtig? Keine Panik. Alles kommt mit der Zeit. Versuche bei Rückschlägen zu reflektieren, woran es lag. Hast du dir deine Ziele zu eng gesteckt? Versuch es nochmal mit etwas reduzierten Parametern. Auch kleine Fortschritte sind Fortschritte.

SPRICH ÜBER DEINE ERKRANKUNG!

Zu guter Letzt eine Bitte und ein Rat gleichermaßen. Teile dich mit. Für mich selbst wäre es undenkbar gewesen, einen Blog aufzusetzen oder auf meinen social media Kanälen über das Thema Krebs im Allgemeinen und über meinen Weg dadurch zu berichten. Durch Zuspruch von allen Seiten habe ich mich aber dennoch dazu durchgerungen, darüber zu sprechen. Daraus habe ich für mich festgestellt: „Es macht Mut!“. Nicht nur mir selbst, sondern mittlerweile auch anderen. Dafür alleine hat es sich schon gelohnt. 

Abschließend muss ich aber als kleinen Disclaimer mitgeben, dass ich kein psychologisch ausgebildeter Fachmann bin, sondern lediglich Wege und Mittel schildere, mit denen ich gute Erfahrungen gemacht habe. Du selbst kannst einzig und allein entscheiden, ob und was du übernimmst.