Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at

Schau einfach durch die rosarote Brille! Wenn es so einfach wäre.

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen und sie wird  jede 8. Frau in Deutschland treffen. Während meiner Zeit in der Onkologie war das  Durchschnittsalter 35 Jahre und nicht, wie es die Statistik sagt, 55. Bei den Zahlen vom RKI handelt es sich ausschließlich um Erstdiagnosen, nicht um zweite oder dritte Diagnosen. Hinter jeder Diagnose steckt ein Mensch. Ein Schicksalsschlag, der die ganze Familie, Freunde, Kollegen, Kinder trifft.

Wie die meisten Frauen habe ich nicht auf das Verbot meines Arztes gehört und  Dr. Google nach meiner Diagnose gefragt, saß mit dem Arztbrief im Bett und versuchte ohne medizinisches Wissen, herauszufinden, wie schlimm es um mich stand. Ich wollte Heilern glauben, an Essen gegen den Krebs, an Vitamin C Infusionen anstelle von Chemo und habe auf die Pharma-Lobby geschimpft, bis ich feststellte, dass es dazu keine Alternative für mich gab. Also trieb ich mich in anderen Foren herum, in denen sich betroffene Frauen austauschen. Von Beginn an des Verdachts, über die Diagnose, der OP’s bis heute  war –  bin es teilweise noch – süchtig danach. Es war eine Suche nach Klarheit, nach Sicherheit, nach der Gewissheit: Gott sei Dank, bei mir ist es nicht so schlimm. Es ist makaber, aber es gab Momente der Erleichterung, weil es mich nicht so schlimm getroffen hatte, wie eine andere Frau aus dem Forum, neben mir in der Onkologie oder im Krankenzimmer. Trotz fachlicher Informationen aus dem Netz, aus Büchern und von meinem Arzt, war ich nicht fähig meine Diagnose ins Verhältnis zu setzen. Ich wusste einfach nicht, wie krank ich war. Wie hart der Einschlag.

Unweigerlich stößt man bei der Suche nach einer Antwort auf die Pinke Community. Die Rosa / Pinke Schleife ist ein internationales Solidaritäts-Symbol für Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind, oder ein besonders hohes Risiko haben, an Brustkrebs zu erkranken. *„Die Rosa Schleife wurde erstmals im Herbst 1991 von der US-amerikanischen Stiftung Susan G. Komen (bis 2006: Susan G. Komen Breast Cancer Foundation) im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit genutzt, als jeder Teilnehmer am Race for the Cure – einem Brustkrebs-Solidaritätslauf von Susan G. Komen in New York City – eine rosa Schleife erhielt.“

Mit vielen frechen Slogans und mutmachenden Sprüchen wird im Namen der Rosa Schleife für uns betroffenen Frauen gelaufen, gepaddelt, geritten, gespendet, veranstaltet,  man läuft gemeinsam in pinken Stiefeln herum oder trägt pinke T’Shirts (der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt) …. und diskutiert über Brustkrebs. Betroffene tauschen sich untereinander im Netz, auf Facebook oder Instagram aus. Sie erzählen ihre Geschichte, geben Tipps. Sterben. Wenn die brutale Diagnose Brustkrebs nicht der Motor dazu wäre, könnte man annehmen, es ist eine dauerhafte immerwährende, rundum freudige und gesellschaftsfähige Hochglanz Veranstaltung für die Tapferen unter uns Betroffenen. Ich schaute auf Instagram in lächelnde Gesichter von krebskranken und glatzköpfigen Marathonläuferinnen, in schöne Gesichter, makellos gestylt mit oder ohne Haare. Das rosa Motto lautet: DAUMEM HOCH! Alles im Griff. Der Krebs kriegt mich nicht. Wenn ich an miesen Tagen in den Spiegel schaute, hatte ich absolut nichts mit diesen Frauen gemeinsam. Ich sah einfach scheiße aus, hatte von den Steroiden ein rotes und aufgedunsenes Gesicht. Haare, Augenbraune und Wimpern fehlten. Ich war eine leidende – keine tapfere Krebspatientin. Nicht mal ein Daumen hoch bekam ich hin. Und wie die Mona Lisa lächelte ich auch nicht. Hatte den runtergezogenen Merkel-Mund.

Trotz allem habe ich mich über Monate von der rosa Wolke tragen lassen, war ein wenig wie auf Droge. Ich gehörte zu den Gewinnerinnen in diesem Spiel mit dem Krebs und holte mir dort täglich meinen rosa eingefärbten Prinzessinnen Zuspruch ab: hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen. Lächeln! Und wenn es grad nicht geht, einfach Lippenstift auftragen. Geht doch!

Letztes fiel mir das Sachbuch „Die Unsterblichen – Krankheit, Körper, Kapitalismus – in die Hände. Die amerikanische Autorin Anne Boyer beschreibt darin ihre Brustkrebsdiagnose, die sie mit 41 Jahren erhielt und setzt die Diagnose Krebs im Allgemeinen und Brustkrebs im Besonderen in einem gesellschaftlichen Kontext.

Die Passage  „Ehefrauen füllen für ihre Ehemänner aus. Mütter für ihre Kinder. Kranke Frauen füllen ihre Formulare selbst aus. Ich bin krank und eine Frau. Ich schreibe meinen eigenen Namen.“ hatte mich persönlich am meisten berührt. Da ich an so vielen Tagen in der Vergangenheit alleine meinen Namen der Schwester bestätigte, bevor sie mir die Infusion anhing, bevor es zu den OPs ging oder eben unzählige Formular ausfüllte, las und unterschrieb. Denn bereits nach der Diagnose Gehirntumor gingen die Freunde mit der Zeit, die Familie machte sich rar. Der Nochehemann schickte die Scheidungspapiere, die ich auf der Intensivstation erhielt. Bis zur Diagnose Brustkrebs waren nur noch wenige übrig, die sich nach mir erkundigten. Ich war nicht nur eine alleinstehende, sondern auch eine alleingelassene Frau und Krebspatientin.

Sowohl in Amerika als auch in Deutschland ist es eine Tatsache, dass alleinstehende und/oder alleinerziehende Frauen eher sterben als andere Frauen. Zudem driften sie häufig in die Armut – später unabwendbar in die Altersarmut ab. Letztendlich hat sich unsere Gesellschaft seit den 50er Jahren nicht wirklich weiterentwickelt, die Pille nur wenige Frauen von dem typischen Frauenbild befreit. Wir Frauen haben geringeren Zugang zur Bildung, arbeiten in Berufen mit geringem Gehalt oder für weniger Geld als die Männer. Frauen sind für die Pflege und Fürsorge, sei es in Pflegeberufen oder zuhause zuständig und wenn dies innerhalb der Familie geschieht, dann ist das selbstverständlich kostenlos. Schlägt obendrauf der Krebs zu, sind viele Frauen schlichtweg neben dem Schicksalsschlag auch existentiell und gesellschaftlich am Arsch. Denn die wenigsten können sich die Diagnose existentiell leisten auch wenn sie, wie hier in Deutschland, die Behandlung bezahlt bekommen, denn sie können sich ihr Leben nicht mehr leisten.

Diese Frauen haben keine Lobby, keine rosa Community, niemanden, der für sie paddelt oder läuft. Sie haben keine Zeit und keine Kraft für Instagram oder Facebook. Keine Energie sich zu vernetzen, auszutauschen oder zu informieren. Die pinke Gesellschaft läßt sie im Stich, wie wir alle.

Diese Frauen sind einfach unsichtbar, weil sie leise und nicht laut sind. Sie haben keine frechen Sprüche parat und kommen mit einem Fuck You daher. Dafür haben sie keine Energie. Ich habe sie selbst all die Jahre nicht wahrgenommen. Erst als mich eine Pflegerin darauf ansprach, als ich eine Tüte mit Tüchern und Mützen dabei hatte, weil ich sie nach der Therapie bei Oxfam vorbeibringen wollte, ob ich die Tücher und Mützen nicht hier in der Onkologie abgeben möchte. Ich fragte nach, warum? Weil es bestimmt viele Abnehmerinnen dafür gäbe, da sich viele Patientinnen eine  Kopfbedeckung nicht leisten können, antwortete sie. Natürlich sagte ich direkt zu, ließ die Tüte dort. Aber es beschämte mich unglaublich, weil ich mir wie viele andere überhaupt keine Gedanken darüber gemacht habe, dass frau sich so einfache und selbstverständliche Dinge in Deutschland nicht leisten kann, nicht einmal aus dem Second Hand Laden.

Es werden mehr als 40 %, manche Studien sagen bis zu 75 % der Frauen, die in den kommenden Jahren in Rente gehen, eine Rente unter Hartz-IV-Niveau beziehen. Altersarmut ist weiblich. Aber in ArMUT steckt auch das Wort Mut! Wir sollten uns nicht dafür schämen, dass wir für zu wenig Geld gearbeitet, unentgeltlich Kinder großgezogen oder Eltern gepflegt haben, sondern sehr laut ausrufen: WIR SIND HIER! WIR GEHÖREN DAZU! .

Foto von AdobeStock_219645727. Weiteres unter Impressum von oben-ohne.life.

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