Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at

Wie alles begann

Nachdem mir mein Hausarzt den Befund vorgelesen und erklärt hatte, versuchte er mich auf eine menschliche Art und Weise zu beruhigen und gut zuzureden. Ich durfte natürlich auch noch so lange in seinem Behandlungszimmer sitzen bleiben kann bis es mir besser geht. Er fragte auch, ob er jemanden anrufen sollte. Ansonsten würde er schnell in den Nebenraum zu einem anderen Patienten gehen und danach sofort wieder zu mir rüberkommen.

Ich dachte mir nach ein paar Minuten an die leere Wand starren, so komm, reiß dich zusammen René und gehe durch die Ordination doch einfach raus zum Auto. Lass dir nichts anmerken, du bist fast 40., dass schaffst du. Ich hab´s versucht, ob es mir gelungen ist, weiß ich nicht, angesprochen hat mich niemand im Nachhinein.

Nun versuchte ich auf der Heimfahrt vom Hausarzt, meinem Partner die Nachricht so schonend wie möglich beizubringen. Es war eine schwierige Autofahrt, auf der ich mich die ganze Zeit versuchte, mit telefonieren abzulenken und so habe ich versucht, meine engsten Freunde irgendwie ans Telefon zu bekommen.

So saßen wir nun zu Hause am Esstisch, am 06. Februar 2020, 2 Tage nach dem Weltkrebstag um ca. 19:00 Uhr, ich mit der Überweisung auf die Onkologie ins Keplerklinikum Linz (KuK) in der Hand. Immer wieder starrte ich diese an und konnte es kaum glauben, auf dieser Überweisung meinen Namen und meine Sozialversicherungsnummer zu lesen.

Am Abend gingen wir ins Bett und dies war einer der wenigen Nächte in meinem bisherigen Leben, in denen ich alle 10 Minuten auf die Uhr gesehen habe. Ich wollte einfach dass die Nacht vorüber geht, denn an schlafen war ohnedies nicht zu denken. Irgendwann war es dann auch soweit und es wurde Zeit zum Aufstehen.
Die Ambulanzzeiten auf der Onkologie Ambulanz im KuK wurden mit ab 07:00 Uhr angegeben. Daher machten wir uns rechtzeitig auf dem Weg, um kurz vor 07:00 Uhr da zu sein…. in meiner kleinen Welt dachte ich, damit wir nicht zu lange warten müssen bis ich dran komme.

Das Auto haben wir in der Tiefgarage geparkt. Schon im Vorfeld haben wir nachgesehen in welchem Gebäude sich die Onkologie Ambulanz befindet und so machten wir uns daher gleich zielsicher auf den Weg dorthin. Schon in der Tiefgarage merkte ich, dass diese Schritte Richtung Onkologie Ambulanz, die schwersten Schritte sind, die ich bisher gehen musste. Es war fast eine körperliche Totalkraftanstrengung den Weg zu bestreiten. Dass ich einmal so ein Gefühl in mir tragen werde, habe ich mir nie ausgemalt. Ein Gefühl der Ohnmacht, der Hilflosigkeit, des Ausgeliefert seins… es war ein unbeschreibliches Gefühl.

Wir waren am Ziel angekommen und standen vor der Tür zur Onkologie Ambulanz. Auf dem Schild stand irgendwas mit „Durchgang zur Tagesklink“ und einer Wegbeschreibung. Wir dachten, wir müssen zur Tagesklinik, sind daher der Wegbeschreibung gefolgt und fanden uns in der Onkologischen Tagesklink wieder. Nicht wissend was eine Onkologische Tageskling ist …. gut, wird traten dort ein. Ein menschenleerer Raum um 06:45 Uhr mit vielen Liegesesseln. Da kam auch schon eine sehr nett Krankenschwester auf uns zu und fragte was wir brauchen bzw. was wir denn suchen würden. Ich hatte ja seit dem Vortag irgendwie meine Fassung immer noch nicht gefunden und fing sofort zu schluchzen an und versuchte zu erklären, dass ich eine Überweisung für die Onkologie habe und diese suchen würde. Die nette Dame wies uns den Weg und sie brachte uns dorthin, wo wir vorhin falsch abgebogen waren. Okay, da stand ich nun, vor dem Anmeldepult der Onkologie Ambulanz und dahinter eine resoluten Krankenschwester, der ich versuchte zu erklären, warum ich hier bin.

Ein kurzer Rundumblick zwischen dem Gespräch mit der Schwester in den Wartebereich der Ambulanz lies mir echt den Atem stocken. Es war fast wie dieses PENG bei meinem Hausarzt oder beim Radiologen am Vortag. Die Ambulanz ist voll mit Menschen, die Einen saßen, die Anderen standen, einige dürften sich schon gekannt haben und sprachen miteinander. Genau zu diesem Zeitpunkt habe ich das erste Mal innegehalten und realisiert, „Wow“, du bist echt nicht alleine und es sind so viele unterschiedliche Altersgruppen hier. Das konnte ich in diesem Moment alles noch irgendwie nicht so fassen.

Also, zurück zum Gespräch mit der Krankenschwester hinter dem Pult, die für die Aufnahme zuständig war. Sie fragte ob ich einen Termin habe. Ich hatte natürlich keinen, eine Krebsdiagnose ist ja so schlecht planbar, dachte ich zu mir selbst. Sie meinte dann darauf, dass heute keine Aufnahme ist im KuK und ich muss entweder ins Aufnahmespital fahren oder ansonsten wieder kommen wenn Aufnahme ist. Aufnahme war übrigens erst wieder am Montag, und ich war ja wie gesagt am Freitag da.

Ich wollte so sehr im Kuk aufgenommen werden, jedoch fiel mir Satz extrem schwer mit der Dame zusprechen sprechen ohne gleich wieder zu heulen zu beginnen. Ich war echt am Boden und dachte mir, das gibt es ja nicht, dass man so aus der Bahn geworfen werden kann. Ich hatte nicht mal ordentlich die Fassung, zu sprechen. Aber hier kam dennoch der Kämpferinstinkt durch ich ließ nicht locker. Ich wollte unbedingt zu einem Arzt vorgelassen werden, daher habe ich immer wieder auf die Dame eingeredet und ich denke überhaupt nicht mehr gehört zu haben, was sie mir geantwortet hat. Im Nachgang betrachtet glaube ich allerdings, dass ich ihr irgendwie so leidgetan habe, denn sie meinte dann, sie spricht mit dem Arzt, der kommt allerdings erst um 08:00 Uhr und ich soll solange warten.

Nach gefühlt 10 Stunden Wartezeit – es waren allerdings glaube ich nicht mal 30 Minuten – wurde ich aufgerufen. Wir traten ein, setzten uns hin und der Arzt sagte „Gut, Sie kommen also nicht wegen einer recht erfreulichen Diagnose“, worauf ich meinte, Ja, das kann man so sagen. Er stellt mir dann einige Fragen, wie ich draufgekommen bin, wann ich zum Arzt bin usw. – er war übrigens erstaunt, erst am Vortag nachmittags davon erfahren zu haben und jetzt schon vor ihm sitze! Nach einer Weile meinte er dann, dass er mich mit so einem Befund natürlich nicht mehr gehen lassen wird und ich werde stationär aufgenommen um abzuklären, wo in meinem Körper sich der Primärtumor befindet. Nach dem Gespräch mit dem Arzt kam ich daher sofort auf die Station und nach einigen Aufnahmefragen und Blutabnahme konnte ich und ein Zimmer beziehen. Zum Glück hatte ich zu Hause schon ein Köfferchen gepackt und mitgenommen ins Krankenhaus. Im Zimmer angekommen – ich war glaub ich seit meiner Kindheit das erste Mal wieder richtig stationär in einem Krankenhaus – habe ich immer noch das Gefühl gehabt neben mir zu stehen und glaubte die Hauptrolle in einem Film übernommen zu haben, dessen Drehbuch ich nicht vorab gelesen hatte. Seit diesen Tagen weiß ich nun echt auch was es wirklich bedeutet, zu denken, man sei in einem anderen Film.

Abschließend muss ich noch anmerken, die Dame am Anmeldepult ist wirklich sehr resolut, aber im Laufe meiner Zeit am KuK habe ich sie echt voll in mein Herz geschlossen und ich denke sie mich irgendwie auch. Denn je „besser“ wir uns kannten – im Nachgang gesagt gab es eine kürzere Zeit, in der ich Sie wöchentlich sah oder öfters – desto leichter wurde es mit ihr. Ich bekam dann auch schon immer jene Termine für meine Kontrollen, die für mich gut passten. Es klingt lustig, auch wenn ich mich jetzt gesamt wohler fühle im neuen Krankenhaus in das ich gewechselt habe (warum und wieso vielleicht in einer anderen Story), fehlt mir die resolute Schwester doch irgendwie.

Auf der Onkologie Station ist das Personal echt super, nett, freundlich, hilfsbereit und zuvorkommend. Ich war ja teilweise am Tag meiner Aufnahme so neben der Spur, dass ich nicht mal das Tischchen vom Nachtkästchen ausklappen konnte.

Mein Zimmerkollege war sehr nett, in meinem Alter, vielleicht eine Spur älter. Zu Beginn haben wir nicht miteinander gesprochen, denn er hatte erkannt, wie es mir geht und das mir im Moment nach allem anderen ist, aber nicht nach reden! Jedes Mal wenn jemand vom Personal reingekommen ist und hat mich etwas gefragt, sind mir sofort die Tränen gekommen. Manno, das waren Stunden… gut dass die vorüber sind.

Danach ging´s recht schnell, Fragebogen ausfüllen und Abholung zum CT bzw. PET-Scan. Ich hatte keine mal irgendwie keine Ahnung was das ist. Es war im Nachgang betrachtet alles irgendwie lustig, ich bin mir vorgekommen wie ein Depp. Ich hatte von nichts eine Ahnung… CT, PET-Scan, usw. … alles Spanische Dörfer für mich. Aber auch an dieser Stelle muss ich sagen, das Personal im KuK hat hier wohl wirklich einen Blick für solch hilflose Patienten wie ich einer war zu diesem Zeitpunkt. Die haben mir alles genau gesagt was zu tun ist und was passieren wird … Kontrastmittel trinken, dann machen wir das und das und das und das… nur, es das ganze Procedere wird eine Weile dauern, denn das Trinken des Kontrastmittels muss habe ich auf 1,5 Stunden verteile! Ich fand es dennoch spannend einfach da zu sitzen und zu warten und zu beobachten welche Patienten und Menschen so vorbeigeschoben werden oder an mir vorbeigingen. Und immer wieder kreisten die Gedanken in meinem Kopf, was die wohl haben werden? Ob man mir ansieht, dass ich anscheinend so schwer krank bin… irgendwann wurde ich aus dem Tagtraum gerissen und es ging ins CT.

Und hier waren sie nun wieder, jene Worte, die mich jetzt mein ganzes (langes) Leben noch begleiten werden: Einatmen, ausatmen, nicht atmen, weiter atmen….

Der PET-Scan war relativ rasch vorbei und ich wurde wieder rauf aufs Zimmer gebracht. Gerade da angekommen, stand schon eine Krankenschwester da, „Herr Aschauer, Sie müssen das noch ausfüllen, es wird noch eine Leberbiopsie durchgeführt“. Ich meinte noch, „Warum eine Leberbiopsie, ich dachte ich habe den Tumor woanders?“ Allerdings aufbauend auf jenem Wissen vom Vortag, von der Diagnose des niedergelassenen Radiologen. Außerdem soll bei mir am Montag noch eine Gastros- und Koloskopie durchgeführt werden.

Die Antwort der Krankenschwester auf meinen Einwand habe ich nicht mehr so wirklich mitbekommen….. ich hatte nämlich schon damit begonnen, den Fragebogen zu lesen. Dort erspähte ich dass eine Leberbiopsie schmerzhaft sein kann, man aber durch eine Lokalanästhesie die Schmerzen lindern kann. Somit konzentrierte sich ab diesem Zeitpunkt meine gesamte Angst auf die Schmerzen, die bei der Leberbiopsie auftreten werden.

Nach kurzer Zeit stand schon wieder ein Transportfahrer da und brachte mich nochmals ins CT. Der Radiologe will die Biopsie mit mir besprechen, die allerdings erst am Montag durchgeführt werden soll. Also in zwei Tagen, genau auch am Tag der Gastros- und Koloskopie.

Der Radiologe bat mich in eine Behandlungskoje im CT-Bereich. Er begann zu reden und zu reden und zu reden und irgendwie ergab das Ganze für mich keinen Sinn, denn was er mir sagte, passte nicht zu meinem damaligen wenig vorhandenen medizinischen Wissen. Somit quatschte ich irgendwann dazwischen und er stoppte: „Ach, hat mir Ihnen auf der Station noch niemand gesprochen?“, „Nein“, sagte ich fragend, ganz verdutzt und irgendwie gespannt was jetzt kommt. „Also nein, wir punktieren nicht die Leber! Wollen Sie Ihre Bilder sehen?“ Ich bejahte, nicht wissend was ich sehen werde… wie denn auch? Wir gingen in sein „Kammerl“ er machte die Bilder meines Abdomen auf und zeigte mir die Schichtaufnahmen. Also ich habe mir mal eine Minute lange gedacht, wie kann man da was erkennen? Außerdem musste ich schon wieder heulen… Dann kam er zu dem Punkt wo er mir meinen Tumor zeigte. „Also, Sie haben einen Tumor im Bauchfell mit Metastasen in der Leber, die schon sehr groß sind!“ Meine erste Frage war gleich mal „Nur in der Leber?“ Dies bejahte er. Die Frage stellte ich ihm die nächsten zehn Minuten glaube ich noch fünf Mal, aber er war sehr geduldig mit mir! Nachdem ich auch fünf Mal die gleiche Antwort erhielt, dachte ich mir, naja, wenn´s „nur“ die Leber ist und sonst nirgends wo was ist, ist ja es schon mal viel besser entgegen dem, was der niedergelassene Radiologe schrieb, …. diese Gedanken wurde durch Wörter aus meinem Mund unterbrochen die sagten „Muss ich jetzt sterben?“. Der Arzt sagte nicht ja und nicht nein, was ja mehr als verständlich ist. Aber irgendwie hab ich mir das eingeprägt und werde nie wieder so eine Frage stellen. Denn ich nie wieder fragen, seit dem frage ich so etwas auch nicht mehr. Warum dem so ist, schreibe ich sicher auch mal hier im Blog.

Dann kam Freitag später Nachmittag. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mal meinem Vater am Telefon informiert, dass ich im KH bin und was ich vermutlich habe. Also dass ich Krebs habe mit Metastasen, denn mehr wusste ich immer noch nicht zu diesem Zeitpunkt. Er musste mir allerdings versprechen Mama nicht das ganze Ausmaß zu sagen. Er durfte ihr nur sagen, dass ich auf der Onkologie liege, einen Tumor im Bauchfell habe, aber von den Metastasen durfte er nichts sagen.

Freitag kam auch noch eine Psychologin vorbei und sprach ein wenig mit mir. Ich weiß allerdings nicht, ob und was sie verstanden hat von dem was ich von mir gegeben habe, denn ich habe fast ausschließlich geweint oder geschluchzt in diesem Gespräch, was mir auch irgendwie auch einmal peinlich geworden ist – aber ich konnte echt nicht anders!

Mit meinem Zimmerkollegen verstand ich mich danach echt sehr gut. Er hatte auf seine erste Chemotherapie gewartet und war natürlich auch entsprechend nervös. Als ich irgendwann zurück kam ins Zimmer, hatte er seine Chemo angehängt, lag in seinem Bett uns ah fern Meine erste Frage war gleich mal „Und, ist dir schon schlecht?“, man wie dumm von mir, aber ich wollte das einfach wissen. Meine Gedanken kreisten ja seit der Diagnose auch schon um eine möglich Chemotherapie, auf die ich mich auch schon versucht einzustellen, mit sämtlichen bekannten Nebenwirkungen.

Der Abend dieses mehr als ereignisrechen ging eher unspektakulär zu ende. Ich unterhielt mich mit meinem Zimmerkollegen Markus, dem immer noch nicht schlecht war und hörte mir sein Krebsgeschichte an. Danach ging ich noch auf die Terrasse und telefonierte noch einmal mit meinen Eltern und meinem Partner.

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