Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at

Wie alles begann

Samstag früh im Krankenhaus. Ich wollte nicht verschlafen – ja richtig, ich wollte nicht verschlafen im Krankenhaus – meine beiden besten Freundinnen aus der Schulzeit hatten sich zum Besuch angekündigt und das schon um 09:00 Uhr. Die Uhrzeit hatten wir deshalb so zeitig gewählt, weil sich gegen 10:00 Uhr meine Eltern angekündigt hatten und die beiden nicht dabei sein wollten, wenn ich meiner Mutter die ganze Wahrheit auf den Tisch lege. Sie waren auch pünktlich, ich habe die beiden beim Eingang abgeholt und wir sind in den Aufenthaltsraum auf der Onkologie Station gegangen. Ihr merkt, Corona war damals noch nicht angekommen bei uns.

Um 10:00 Uhr waren dann meine Eltern da. Mein Bruder begleitete sie rauf, er war ja am Tag meiner Aufnahme schon am Abend bei mir und kannte daher er den Weg. Meine Mutter war natürlich am Boden zerstört und meinte, dass der Tumor vielleicht gutartig sein könnte. Ich nahm ihr jedoch mit den Worten „Mama, ich habe auch 5 Lebermetastasen“ gleich mal den Wind aus den Segeln ihrer eigenen Hoffnung.

Meine beiden Freundinnen verabschiedeten sich kurz vor diesem Satz. Wie gesagt, sie wollten das Familientreffen nicht mit ansehen. Was ich natürlich verstanden habe und immer noch verstehe.

Ich saß dann mit meinen Eltern und meinem Bruder eine Weile im Aufenthaltsraum und sprachen letztendlich nicht nur über meine Krankheit. Plötzlich ging die Türe auf und eine Schwester fragte, ob sie mir das Essen hier her bringen soll oder ob ich es am Zimmer zu mir nehmen möchte. Da ich mittlerweile alleine am Zimmer war, mein Zimmergenosse hatte das Glück am am Samstagvormittag das Krankenhaus verlassen zu können, wollte ich am Zimmer essen. Wir gingen also zurück in mein Zimmer. Während dem Essen und dem Tratsch mit meinen Eltern betrat eine Oberärztin das Zimmer, begrüßte uns und sagte „Ach, ich nehme an das sind die Eltern!“, mein Bruder hatte uns in der Zwischenzeit Richtung nach Hause verlassen. Ich bejahte und dachte gleichzeitig zu mir selbst, „Bitte, bitte sag nichts falsches jetzt!“

Sie begann aber auch sofort zu reden und sagte, „Also Herr Aschauer, wir denken Sie haben einen blajdsljgfajflkjsjfd…. und wenn es eben das ist was wir im Moment glauben, dann ist das sehr gut zu behandeln. Ich sage Ihnen es ist langwierig, aber sehr gut mit Tabletten zu behandeln!“ Blajdsljgfajflkjsjfd hat sie natürlich nicht gesagt, aber es hat sich so für mich angehört! Ich antwortete drauf „Aja, da kann ich mir ja nicht einmal den Namen merken!“ und sie antwortete „Das müssen Sie sich jetzt auch nicht, merken Sie es sich dann, wenn wir es genau wissen nach der Biopsie!“ Ich entgegnete ihr noch, dass ich ja keine Tabletten schlucken kann, was sie in diesem Moment echt nachdenklich stimmte und sie meinte dann dass es Kapseln gibt und sie glaubt auch, dass es Tabletten gibt, die man auflösen kann. Aber das wisse sie jetzt nicht genau, man kann aber das alles noch abklären.

 

Dieses kurze Gespräch,  es dauerte nicht länger als vielleicht fünf bis sieben Minuten mit der Oberärztin, veranlasste mich von einer Sekunde auf die Andere umzudenken bzw. hat sich in mir ein „Schalter umgelegt“ und ich wusste ab diesem Zeitpunkt, so, diese Krankheit wird bei dir nicht überhand nehmen!

 

Der Sonntag war nicht langweilig im Krankenhaus, ich bekam jede Menge Besuch und wurde von meinen Freunden so gut wie irgendwie möglich abgelenkt. Wobei ich ja seit dem Vortag irgendwie nicht mehr so viel Ablenkung gebraucht habe, weil ich ja die Hoffnung bekommen hatte mit Tabletten „alles in den Griff“ bekommen kann!

Irgendwann ging auch dieser Tag im Krankenhaus vorbei und es kam der Montag, der Tag der Biopsie, deren Vorgehensweise mir ja schon am Freitag erklärt wurde. Es stand auch die Gastros- und Koloskopie an. Was im Vorfeld einer Koloskopie mit dem Körper angestellt wird, denke ich jetzt, muss ich nicht genauer beschreiben hier! 🙂

Da ich mir in meiner medizinischen Naivität noch nicht viel vorstellen konnte unter meiner Biopsie, bzw. die Erklärung für mich nicht so tragisch geklungen hatte, war ich auch nicht wirklich aufgeregt als es am Vormittag los ging. Wieder mit dem Ziel CT… Frühstück viel ja schon aufgrund der Castros- und Koloskopie am frühen Morgen für mich aus und da die Biopsie ja gleich anschließend geplant war und man auch dafür nüchtern sein musste, bekam ich noch immer nichts zu essen.

Rein ins CT und die Vermessung für die Biopsie begann. Danach wurde ich, á la Emergency Room mit grünen Tüchern abgedeckt, halb im CT Gerät liegend, halb draußen. Nur die Stelle, die für die Biopsie notwendig war, blieb unbedeckt. Ich bekam jetzt die Lokalanästhesie, die nicht schmerzhaft, aber auch nicht wohltuend war. Kurze Zeit später kam der Arzt drückte auf die nicht bedeckte Stelle auf meinem linken Unterbauch und fragte “Spüren´s das?” Ehe ich noch antworten konnte dass ich nichts spüre, habe ich beim hinuntersehen zu meinem Bauch bemerkt, dass er nicht nur auf die Stelle gedrückt hatte, sondern er hatte mit einem Skalpell einen Schnitt gesetzt. Jetzt wurde schon ein wenig mulmig weil ich jetzt doch nicht mehr so genau wusste was nun auf mich zukommen wird.

Aber neugierig wie ich bin, habe ich die gesamte Biopsie mitverfolgt, so gut es halt ging. Zuerst wurde eine Kanüle bis zum Tumor eingeführt, danach kam das “Stanzgerät” zum Einsatz. Beim Anblick dieses Geräts bin ich dann doch innerlich komplett in Panik verfallen. Diese lange Nadel an diesem Gerät vorn dran bereitete mir wilde Ängste und mein Herz schlug irgendwo zwischen Brust und Hals, so aufgeregt war ich innerhalb von zehn Sekunden. Dann wurde die Nadel in meinen linken Unterbauch eingeführt, dieser Vorgang wiederholte sich fünf Mal. Bei jedem einzelnen Vorgang dachte ich mir, so, jetzt muss es weh tun, auch wenn es vorhin nicht weh tat, aber jetzt muss es weh tun. Wow, ich war echt fertig mit der Welt in diesem Moment. Der Arzt meinte noch, “Ach, da bekommen wir aber schöne Proben raus!”, und wurde schon verbunden, ein Sandsack darauf gelegt, damit keine Blutung und kein Bluterguss entstehen kann.

Es war mittlerweile 12:00 Uhr, und ich wurde wieder aufs Zimmer gebracht, welches ich ja seit Samstag alleine hatte. Der Magen knurrte schon elendiglich, und am Zimmer angekommen, forderte ich nach Abnahme des Sandsacks sofort mein Mittagessen ein. Welches mir auch serviert wurde!

Im Laufe des Montags habe ich schon mitbekommen, dass ich am Dienstag das Krankenhaus verlassen kann. Was dann auch so gekommen ist. Irgendwie erleichtert, nachdem ich meinen Arztbrief erhalten hatte, verließ ich das Krankenhaus auch am Dienstag, erleichtert deswegen, weil ich nun wusste wo mein Tumor lag, und irgendwie erleichtert dass der Tumor nicht an irgend einem Organ gewachsen ist, abgesehen natürlich von meinen fünf Lebermetastasen.

Den Arztbrief habe ich zu Hause abgelegt, aber bis Ende Jänner 2021 nicht gelesen. Ich habe es nicht geschafft, meine eigene Diagnose schwarz auf weiß vor mir liegend zu lesen. Hätte ich es gemacht, wäre ich schon drei Wochen vor der Besprechung der Biopsie im Krankenhaus darüber informiert gewesen, an welchem Krebs ich vermutlich erkrankt bin. Aber ich schaffte es zu diesem Zeitpunkt einfach nicht, den Arztbrief zu lesen.

Am Mittwoch wollte ich wieder so viel Normalität wie nur irgendwie möglich in mein Leben bekommen und ging wieder zur Arbeit. Aber nicht weil ich Ablenkung gebraucht habe, sondern weil ich einfach mein Leben normal weiterführen wollte.

Es galt für mich in der Arbeit kein Geheimnis aus meiner Erkrankung zu machen, und so habe ich am Mittwoch meine direkten Kollegen darüber informiert, an was ich erkrankt bin. Das die Betroffenheit entsprechen groß war, brauch ich glaube ich nicht näher zu erwähnen.

Bei der Entlassung aus dem Krankenhaus, wurde mir auch noch mitgeteilt, dass es rund zwei bis drei Wochen dauern wird, bis ich einen entsprechenden Befund erhalten werde. Und so wurde ich gleich auch mit dem konfrontiert, was ein Krebspatient immer mitbringenden muss: Geduld! 🙂

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