Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at
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Interview
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„Ich hatte Zungenkrebs, aber sonst bin ich ganz normal“

Welchen Herausforderungen im Bezug auf Essen begegnest du jetzt?

Die größte Challenge war: Wie hole ich mir den Genuss zurück, obwohl ich auf viel verzichten muss? Ich habe ja lange Zeit nichts schmecken können. Das frustriert total, weil du meistens nichts riechen kannst, was mit der Bestrahlung zusammenhängt. Manche Patienten beklagen, dass diese Geschmacklosigkeit nie wieder weggeht. Bei mir ist der Geschmack Gott sei Dank zurückgekommen und sogar sehr intensiv. Inzwischen muss ich leider auch auf manche Lebensmittel verzichten, weil ich Allergien entwickelt habe.

Welche zum Beispiel?

Ich bin auf Haselnüsse, rohe Tomaten, Pfirsich, Sellerie und frischen Basilikum allergisch. Manchmal ist Histamin auch schwierig. Ich esse gerne rohen Fisch, weil der so matschig ist und so flutscht. (lacht) Also das kann auch kritisch sein. Dann kann ich kein Wiener Schnitzel mehr essen, das kann man aber nicht ersetzen. Ein blutiges Steak kann durch Tatar ersetzt werden. Schwierig wird’s z.B. bei Brot. Es gibt Dysphagie Brot, aber das schmeckt finde ich nicht wie Brot. Ich bin eher der Typ, der etwas vollkommen Neues kreiert, was ich früher nicht gegessen hätte. Es ist total spannend was da alles daher kommt! (lacht)

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Claudia in ihrer Küche zu Hause in Salzburg. Fotocredits: Clara Schwöllinger
„Es gibt zwei Dinge, die mir echt fehlen.“

Wie schaffst du es trotz Verzicht auf gewisse kalorische Lebensmittel wie Brot, Reis, Nudeln usw. dein Gewicht zu halten?

Ich lebe ja beinahe kohlenhydratfrei, ungewollt. Die einzigen Kohlenhydrate, die ich zu mir nehme sind in Form von Kartoffeln. Kartoffelpüree oder Garkartoffeln. Nudeln, Reis, Brot sind No-Gos. Und ich esse auch Schokolade, also dann Zucker. Da kann man natürlich darüber diskutieren, weil es Meinungen gibt, dass man mit raffiniertem Zucker aufpassen soll, wenn man Krebs hatte. Aber bei mir geht es tatsächlich um die Kalorienzufuhr. Also ich helfe kalorisch sehr mit Schokolade nach. (lacht)

Du hast noch einen Lifestyle Blog „Claudia on Tour“, wo du auch über Restaurantbesuche schreibst. Welche Gerichte empfiehlst du Personen mit Dysphagie zu bestellen?

Ja, das ist eigentlich mein größtes Herzensprojekt. Dyspghagie in der Gastronomie – ist schon so ein schönes Schlagwort. Diese ganzen Allergene und Intoleranzen sind mittlerweile in der Gesellschaft angekommen. Aber jetzt geh´ einmal ins Wirtshaus und sag´ „Ich kann nicht richtig beißen“. Da überforderst du dein Gegenüber. Prinzipiell bin ich immer auf der sicheren Seite wenn es Beef Tartar oder Cremesuppen gibt. Schwierig sind dünne, klare Suppen. Die kann ich trinken, aber nicht löffeln. Ich empfehle nachzufragen ob etwas drinnen ist, wie z.B. Schnittlauch, Brotstückchen oder Kürbiskerne bei Kürbissuppen. Und einfach ganz definitiv sagen: „Ich kann nicht richtig schlucken oder beißen, was können sie mir anbieten.“ Das ist wirklich eine Empfehlung: Einfach selbstbewusst sein.

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Fotocredits: Clara Schwöllinger

Was macht man außer Essen denn noch mit dem Mund? Schmusen, Pfeifen… Was hat sich denn da am meisten verändert?

Ich kann nicht mehr grunzen (lacht). Mein Enkelkind ist jetzt sieben, der sagt immer: „Geh Oma, mach einmal ein Schweinderl nach!“, und er weiß ja, dass ich das nicht kann. Ich kann es nicht einmal aussprechen. Dann kann ich nicht mehr pfeifen und tatsächlich nicht mehr leidenschaftlich schmusen. Also ich habe tatsächlich sexuelle Disfunktionen. Ob das für mich jetzt eine Wichtigkeit hat? Nein, ich lebe in einer sehr, sehr langen Beziehung und da spielen einfach andere Faktoren eine wesentlich größere Rolle.

„Ich habe so viel Speichel im Mund, aber ich bin nicht gefährlich."
Über die Serie

Stark sein? Runterschlucken? Das Schicksal ertragen? Wir von Kurvenkratzer bekommen latenten Brechreiz, wenn wir derartige Sprüche hören. Und warum flüstern wir, wenn wir über Krebs reden? Ja, Krebs ist in unserer Gesellschaft leider noch immer ein Tabu. Studien zufolge trifft aber jeden zweiten Menschen im Laufe seines Lebens eine Krebserkrankung. Krebs ist also alles andere als eine gesellschaftliche Nische.

In unseren Interviews sprechen wir mit Menschen, die Krebs am eigenen Leib erfahren haben oder nahe Betroffene sind. Wir reden mit ihnen über den Schock, den Schmerz, Hilfe zur Selbsthilfe, Humor und Sexualität, sowie darüber, wie es gelingt, Mut und Hoffnung zu finden. Damit möchten wir dich motivieren: Wenn du das Gefühl hast, über deine Erkrankung sprechen zu wollen, dann tu es. Du bist nicht allein.

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