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Wie der Megatrend Krebspatient:innen beeinflusst
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Wir sind am (Co-)Individualisieren

Die Welt unterzieht sich regelmäßig Veränderungen in Form von Megatrends. Während die Einzigartigkeit des Individuums in den letzten Jahren im Vordergrund stand, nimmt sich das Ich künftig mehr und mehr im Kontext seiner Umwelt und von Gemeinschaften wahr. Was genau Individualisierung ist und was dieser Trend für Krebs-Patient:innen bedeutet, erfährst du in diesem Artikel.

Man sagt, jeder hat zwei Leben. Das zweite beginnt dann, wenn wir realisieren, dass wir nur ein Leben haben. So die Theorie. Wer die schrille Glocke der Endlichkeit mal mit eigenen Ohren gehört hat, hinterfragt gerne mal alles. So werden Beziehungen, Freundschaften, Tätigkeiten, Hobbies, Berufe, Verantwortung, Verbindlichkeiten und Gefälligkeiten auf die Waagschale gelegt und zusätzlich noch an der Frage gemessen: Wer von euch Idioten hat mich krank gemacht?  

Wenn sich dieser Teil mal beruhigt hat und man wieder klarer denken kann, reduzieren sich die lauten Gedanken auf ein paar Kernthemen. Alles neu macht nicht der Mai, sondern die Krebstherapie. Spätestens dann, wenn der Wunsch nach Neuem und das alte Leben in einer quietschenden Diskrepanz stehen, ist es Zeit, sich neu zu orientieren. Und hier kommt ein aktueller Megatrend gerade richtig: Individualisierung, Baby! 

Die Individualisierung beschreibt den Aufstieg des Ichs und setzt die „Kultur der Wahl“ durch. Ich kann also entscheiden, wer ich bin und wie ich lebe, in Bezug auf Partnerschaft, Beruf, Bildung, Wohnort und was man sonst noch so alles wählen kann.  

Wir haben uns für euch die Entwicklung der Individualisierung und einige Individualisierungstrends angesehen. 

Wir sind am (Co-)Individualisieren
Individualisierung bedeutet auch: ME-TIME! Foto: Pexels/Olga

Der Status Quo (vadis?) 

„Ihr seid doch alle Individuen“?……….“Ich nicht!“ In dieser legendären Szene aus dem Monty Python-Film „Das Leben des Brian“ versucht der Hauptcharakter einer folgsam-obsessiven Menge klarzumachen, dass jeder für sich selbst denken sollte. Fast Forward 2000 Jahre: Das Internet durchsickert jegliche Faser des täglichen Lebens. Es ist gleichzeitig Corona- und Klimakrise. Metagroße Gott-Firmen wissen alles über dich. Distanz ist sozial, die Wahrheit relativ. Regenbögen politisch, Singles glücklich. Nomaden digital, Kapitalismus inflationär. Marx wieder cool, Identitätspolitik, Katzen, Populismus. Und überall liegt Müll. Und an den Stellen, an denen ein bisschen weniger Müll liegt, haben die Menschen den Luxus der Selbstverwirklichung erlangt.

Genau da erblühte vor gar nicht so langer Zeit das Individuum. Aber das Individuum fühlte sich auf Dauer sehr einsam, und erinnerte sich an all die Zwischenmenschlichkeiten, die es vor der Klimarona-Krise pflegte. Also holte es sich all seine homosexuellen, mixed-race Digital Nomad-Freunde in eine Co-Working-Kommune mit gesharetem Gartenanbau und alle lebten für immer glücklich in Tiny Houses. 21st Century Kurvenkratzer präsentiert: Co-Individualisierung. 

Disclaimer: Es ist zu beachten, dass Megatrends zwar weltweit wirken, sich im globalen Kontext aber nicht synchron ausprägen. Ein Land wie Zimbabwe befindet sich in einem ganz anderen Stadium der Individualisierung als eine Stadt wie Los Angeles. In diesem Kontext wird Individualisierung hauptsächlich aus der Sicht der westlichen Welt betrachtet.

Nicht erst seit dem Quarantänewahn 2020 ist Individualisierung das zentrale Kulturprinzip unserer semi-verschreckten Gesellschaft. Schon als das omnipräsente Internet in den frühen 2000ern florierte, konnte man den Trend eindeutig riechen. MySpace, Friedenszeiten und Wohlstand stellten das „Ich“ vor das „Wir“ und alte gesellschaftliche Zuordnungen wie Stand und Klasse wurden großteils obsolet.  

Der Staat sorgte für eine gewisse soziale Sicherheit, während der soziale Habitus den Boden bildete, aus dem die Merkmale sprießen, die einen Menschen von anderen unterschieden. Nun galt die Wahlfreiheit der und des Einzelnen als oberstes Prinzip, als persönliches Recht und als wichtigster Wert. Das Ergebnis sind zunehmend komplexe Lebenswelten, in denen sich traditionelle Beziehungsmuster langsam aber sicher auflösen. Und auch wenn Social-Distancing als Beiprodukt der Corona-Krise gesehen wird, es ist zumindest genau so sehr ein Nebeneffekt der Individualisierung an sich. FOMO (Fear Of Missing Out) wird zu JOMO (Joy Of Missing Out). 

Wir sind am (Co-)Individualisieren
Zusammen sind wir Individuen. Foto: Pexels/Fauxels

Jedes Krustentier ist anders 

Wie schlägt sich dieser Megatrend nun auf Krebspatient:innen nieder? Nun ja, nach einer bewältigten Erkrankung fängt man quasi von vorne an. Die Konfrontation mit dem Tod lässt einen oft den enormen Wert der restlichen Lebenszeit realisieren. Man richtet den Kompass neu aus, will sich zurück bekennen zu dem, was man eigentlich ist, mag und braucht.  

Das Hier und Jetzt wird wichtiger, die eigenen Bedürfnisse stehen nun eindeutig vor denen der Gesellschaft – Individualisierung in Reinkultur also. Glücklichsein und das Bemühen darum stehen im Vordergrund, alles andere kommt danach. Auch der Job. Zweck und Sinnhaftigkeit haben sich jetzt rechtmäßig vorne angestellt – wird ja auch Zeit, oder?  

Aber all diese Konzentration auf das „Ich“ bedeutet auch individuelle Verantwortung. Du darfst selbst aktiv werden und Initiative zeigen, das Kollektiv schreibt nicht mehr deinen Stundenplan. Die (scheinbar) grenzenlose Freiheit geht mit der Pflicht einher, für sich selbst sorgen zu können. Aber nur für sich selbst zu sorgen, klingt auf Dauer recht einsam, du bist ja nur ein Teil des großen Ganzen, oder nicht? Genau, also lass uns schauen, wohin die Reise des Individuums geht!  

Auf der nächsten Seite gibt’s Details zur Co-Individualisierung!

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