Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at
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Herbstliche Gedanken
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Nasskaltes Herbstwetter und mein stiller Begleiter Krebs

Wenn Krebs weg und gleichzeitig immer da ist. Andrea Heidrich schreibt über das No-Go jedes Kaffeeliebhabers, kalte Füße und Polyneuropathie. Und wenn Schokolade auf einmal nicht mehr die Welt rettet.

Vor meinem Fenster erstrahlen die Farben des Herbstes in tiefen Rottönen, gepaart mit den ersten gelblichen Verfärbungen und nach wie vor sattem Grün. Heute erstrahlt der Himmel in wolkenlosem Blau und dank der erwachten Sonne lächelt auch das Gemüt wieder ein bisschen mehr. Wahrscheinlich geht’s ganz vielen Menschen während dieser Jahreszeit so, dass die Sonne die trüben Gedanken schneller weiterziehen lässt als an Tagen wo der Nebel grau in grau seine Decke ausbreitet. Obwohl ich auch den Nebel mag.

Dann zünde ich schneller die Kerzen an, hole mir damit warmes Licht in die Wohnung und vergrabe mich in meiner Kuscheldecke mit meinen Lieblingskeksen und einer großen Tasse Kaffee. Wobei das bei mir eher viel Milchschaum mit wenig Kaffee ist, also das absolute No-Go für ernsthafte Kaffeeliebhaber. Mit einer Prise Kakao oben drauf – meine ganz persönliche Neu-Entdeckung und ein Genuss für meine Geschmacksnerven.

Jedes Aufstehen brachte mich an meine Grenzen – psychisch und physisch.

Allerdings war gestern so ein Tag, wo ich aus meiner Kuscheldeckenhöhle kaum wieder hervorgekommen bin. Hervorkommen konnte. Ja richtig. Ich habe mir den ganzen Vormittag überlegt, wie ich es bloß schaffe, mich aufzurichten und von der Couch aufzustehen, um mir ein Glas Wasser zu holen.  Es erschien mir fast unmöglich und an Anstrengung kaum zu überbieten. Kein Keks der Welt, keine Prise Kakao auf dem Milchschaum konnte mich dazu bewegen. Plötzlich war ich zurückversetzt in die Zeit vor 2 Jahren.

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Lieber schnell wieder zurück in meine Kuscheldeckenhöhle... Foto: Pexels/Burst

So lag ich also da, konnte nicht schlafen, war aber dennoch zu müde zum Aufstehen. Ich bekam Kopfschmerzen und wusste nicht, ob es am zu wenig trinken lag oder doch daran, dass ich mir wenige Tage zuvor diesen massiv an einer Metallvorrichtung angeschlagen hatte. Ich bekam Schweißausbrüche, ganz plötzlich und ohne weitere Symptome. Und meine Füße. Seit einigen Tagen lassen sie mich die Polyneuropathie ganz stark spüren. Das erste nass-kalte Wetter in diesem Jahr und sie gehorchen mir nicht mehr. Irgendwie mehr als sonst. Einbildung? Keine Ahnung. Aber es ist. Es ist mein Gefühl.

Ganz exakt vor 2 Jahren, denn damals war ich gerade in der Hälfte meiner Chemo angelangt und in Woche 3 meines jeweiligen Chemo-Zyklus waren die einfachsten Dinge kaum mehr möglich. Jedes Aufstehen brachte mich an meine Grenzen – psychisch und physisch. Denn wenn mein Geist nicht in der Lage war, meinem Körper eindeutige Befehle zu erteilen, dann schaffte es letzterer allein ganz sicher nicht.

Oktober Person Verkriecht Sich In Bett Pexels Ketut Subiyanto
"So lag ich also da, konnte nicht schlafen, war aber dennoch zu müde zum Aufstehen." Foto: Pexels/Ketut Subiyanto
„Du spürst noch immer nichts in deinen Füßen? Aber du kannst ja gehen?!“

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