Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at
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Vater mit Lymphdrüsenkrebs
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Tschüss Tumor, Moin Humor

Weihnachten 2019 ist in Alexander Heckrodts Familie von Unsicherheit geprägt. Er hat Morbus Hodgkin. Mit Humor und positiver Einstellung akzeptiert der Vater von zwei Töchtern den Krebs und lässt ihn ziehen. Ein Gespräch über Pragmatismus, Bloggen, Achtsamkeit und seine Position in der Familie.

Alexander ist Fotograf. Er setzt schnelle Autos ins beste Licht. Mit einer mobilen Kulisse tourt er dafür durch ganz Deutschland. Die Kulisse ist schwer. Er verlädt sie alleine und seitdem schmerzt der Rücken. Er „krebst“ durch die Wohnung wie ein alter Mann, geht zum Arzt, erhält Schmerzmittel. Es ist Anfang September 2019 und als die Schmerzen nach drei Wochen immer noch nicht weniger sind, legt er sich in die Röhre.

»Der Befund liest sich zuerst recht positiv. Kurzgefasst: keine Blockade an der Wirbelsäule«, erzählt Alexander, „aber dann, gegen Ende, steht das Fettgedruckte.“ Die Lymphknoten sind vergrößert, es könnte sich um einen Hodentumor oder ein Lymphom handeln. Es wird ihm eine zusätzliche Magnetresonanztomografie nahe gelegt. Ende Oktober ist der nächste freie Termin erst in drei Monaten. Alexander drängt auf eine schnellere Untersuchung.

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Alexander Heckrodts mobiles Bühnenbild „Matchbox your Car“ ist das Highlight auf jedem Treffen der deutschen Tuningszene. Foto: Privat

Wochen der Ungewissheit

Die Assistentin hält mit dem Radiologen Rücksprache. Plötzlich ist doch ein rascherer Termin sinnvoll. Alexander ist verunsichert. Eine Woche später soll wieder eine MRT-Aufnahme gemacht werden, doch das Gerät ist defekt. Der Termin wird um zwei Tage verschoben. Das Warten nervt und die Unklarheit beunruhigt Alexander. Bei der zweiten Untersuchung sind die Lymphknoten grenzwertig groß. Es muss eine Gewebeprobe entnommen werden. Ende November ist er für die Biopsie im Spital, doch das Ergebnis ist nicht eindeutig: „Es sind abnormale Zellen dabei, aber nicht klar Krebsgewebe.“

Kurz vor Weihnachten wird ein Lymphknoten „ausgebaut“. Seine Ärzte verwenden dieses Wort. Anschließend untersuchen sie das Gewebe unter dem Mikroskop. „Wie sieht es denn aus? Wann bekomme ich den Befund?“, fragt Alexander. Sie vertrösten ihn auf Ende Dezember. „Ich wusste nicht, ob ich heulen oder lachen soll. Soll ich überhaupt Weihnachten feiern?“, fragt er sich. Er fährt die 250 Kilometer zu den Eltern, um ihnen davon zu berichten. „Das war zwei oder drei Tage vor Weihnachten. Sie waren schwer getroffen, viel mehr als ich“, erzählt Alexander. Das pragmatische Funktionieren im Schockzustand erklärt er sich so: „Das habe ich bei der Bundeswehr gelernt.“

„Ich schreibe über alles, was ihr wissen müsst und was nicht drinnen steht, möchte ich nicht erzählen.“
Alexander Heckrodt
Dezember Alexander Heckrodt Bundeswehr Soldat Mann Liegen Wiese Entspannt Brille Foto
In vier Jahren Dienstzeit bei der Bundeswehr hat Alexander in der Einsatzausbildung und -vorbereitung vermittelt bekommen, wie mit psychischen Extremsituationen umgegangen werden kann. Das hilft ihm bei der Bewältigung der Krebserkrankung. Foto: Privat

Diagnose: Hodgkin-Lymphom

Weihnachten und Silvester vergehen, ohne dass Alexander etwas aus der Pathologie hört. Mitte Januar dann das Untersuchungsergebnis: Hodgkin-Lymphom. Plötzlich geht alles ganz schnell: Eine Woche später wird der Portkatheter gelegt und am nächsten Tag beginnt schon die Chemotherapie.

Morbus Hodgkin (Hodgkin-Lymphom oder Lymphogranulomatose) ist eine maligne Erkrankung des lymphatischen Systems und gehört neben den sogenannten Non-Hodgkin-Lymphomen zu den Lymphdrüsenkrebsarten. Derartige bösartige Lymphknotengeschwulste können überall im Körper entstehen. Mit den heute vorhandenen Behandlungsmethoden können viele Patient*innen geheilt werden.

Nach der Diagnose hat er eine diffuse Ahnung, was auf ihn zukommt. „Alle möglichen Leute werden fragen: Wie geht es dir? Was machst du? Was machen die mit dir? Wie fühlst du dich?“ Damit er „nicht zehn Mal am Tag die gleiche Frage beantworten muss“, setzt er einen Blog auf. Er bittet sein Umfeld, erst den Blog zu lesen, bevor sie ihn kontaktieren, und erklärt es ihnen so: „Da schreibe ich alles rein, was ich reinschreiben möchte, was ihr wissen müsst“, sagt er, „was nicht drinnen steht, möchte ich unter Umständen nicht erzählen.“ Das befreit Alexander von der befürchteten, zusätzlichen Last. „Ich konnte alles rauslassen, hatte wieder Distanz dazu und konnte mich besser auf die Therapie konzentrieren.“

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Die ungewisse Situation zu Weihnachten (kurz vor der definitiven Diagnose) belastet Alexanders Familie nicht über die Maßen. Sie sprechen kurz darüber, feiern aber sonst möglichst normal. Foto: Privat

„Das ist halt jetzt so“

Alexander schwingt sich auf eine akzeptierende Haltung gegenüber seiner Erkrankung ein. „Das ist halt jetzt so, wir machen jetzt die Chemotherapie, wahrscheinlich wird das ordentlich meinen Körper angreifen“, erzählt er, „aber im Prinzip habe ich dafür keine Zeit. Ab Mai wäre es schön, wenn es wieder weitergeht.“ Seine treibende Kraft ist, dass er „da durchkommen muss“. Sein Vorwärtsblick hilft ihm: Mit einer positiven Einstellung werde es zwar nicht in jedem Fall leichter, ist er überzeugt, „aber wenn du negativ an die Sache rangehst, wird es ungemein schwieriger.“

Mit den möglichen Nebenwirkungen der Therapie beschäftigt er sich nicht. „Wenn ich lese, was alles passieren kann, dann kommt das bei mir auch“, sagt er und lacht, „deshalb hab ich mir selbst gesagt: Ich lasse mich überraschen, was da kommt.“ Als sein Zimmerkollege von starker Übelkeit betroffen ist, sitzt Alexander im Bett und ist total überfordert. Er beschließt, „Spucken ist keine Option, das passiert einfach nicht, und so war es dann auch.“ Dennoch ist ihm an den ersten Tagen der Chemozyklen etwas schlecht, wogegen die Medikamente aber wirksam sind. „Den Rest hat sicher die positive Einstellung gemacht.“ Trotz Zytostatika-Höchstdosis.

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Die ungewisse Situation zu Weihnachten (kurz vor der definitiven Diagnose) belastet Alexanders Familie nicht über die Maßen. Sie sprechen kurz darüber, feiern aber sonst möglichst normal. Foto: Privat

Auf der nächsten Seite liest du, wie Alexander mit seinen Kindern über die Krebserkrankung gesprochen hat und was ihm bei der Vorbereitung darauf geholfen hat.

Über die Kolumne

Stark sein? Runterschlucken? Das Schicksal ertragen? Wir von Kurvenkratzer bekommen latenten Brechreiz, wenn wir derartige Sprüche hören. Und warum flüstern wir, wenn wir über Krebs reden? Ja, Krebs ist in unserer Gesellschaft leider noch immer ein Tabu. Studien zufolge trifft aber jeden zweiten Menschen im Laufe seines Lebens eine Krebserkrankung. Krebs ist also alles andere als eine gesellschaftliche Nische.

In unseren Interviews sprechen wir mit Menschen, die Krebs am eigenen Leib erfahren haben oder nahe Betroffene sind. Wir reden mit ihnen über den Schock, den Schmerz, Hilfe zur Selbsthilfe, Humor und Sexualität, sowie darüber, wie es gelingt, Mut und Hoffnung zu finden. Damit möchten wir dich motivieren: Wenn du das Gefühl hast, über deine Erkrankung sprechen zu wollen, dann tu es. Du bist nicht allein.

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