Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at
9 min
Vater mit Lymphdrüsenkrebs
9 min

Tschüss Tumor, Moin Humor

Seite 2/2: Im Angesicht einer Krebserkrankung das Lachen behalten.

Der Vaterrolle gerecht werden

Von der breiten Unterstützung durch Freunde und Familie ist Alexander „positiv überrascht“. Er bekommt viel Besuch, auch von seinen Eltern, die kleine Snacks mitbringen. „Denn das Krankenhausessen, machen wir uns nichts vor, das ist nicht so der Hit. Ich habe das gegessen, worauf ich Bock hatte – und keine Panik entwickelt, zum Beispiel, keinen Apfel zu essen, weil Keime drauf sein könnten.“ Er isst nicht nach Plan, sondern nach Hunger. „Und wenn es fünf Mahlzeiten pro Tag sind, dann soll der Körper das bekommen, wonach er lechzt.“

Schwieriger gestaltet sich seine Rolle als Familienvater. „Krebs“, sagt Alexander und hält inne, „das hängt immer wie eine große Bedrohung über der ganzen Familie.“ Er überlegt mit seiner Partnerin, wie er das seinen beiden Töchtern, sieben und neun Jahre alt, beibringen kann. „Wenn ich denen sage, ,Papa hat Krebs‘, dann hätte die Kleine gesagt, ,Oh süß, zeig mal!‘, weil sie an das kleine Tier im Meer denkt.“ 

Er liest Kinderbücher, die sich mit Krebs beschäftigen, lässt sich inspirieren und erklärt den Kindern, dass der Mensch aus Zellen besteht und manche leider entarten können: „Bei mir gibt es auch ein paar Zellen, die nicht so wachsen, wie sie wachsen sollen“, erzählt Alexander, „und deswegen bekomme ich ziemlich starke Medikamente. Es könnte sein, dass mir der Bart oder die Haare davon ausfallen, aber wenn die Medikamente gut wirken, ist nachher wieder alles wie vorher.“

Dezember Alexander Heckrodt Mann Vater Kinder Umarmen Ruecken Foto
Alexander ist es wichtig, ein Umfeld zu schaffen, in dem seine Kinder jederzeit zu ihm kommen können, wenn sie Fragen haben oder um zu erzählen, was sie belastet. Foto: Privat

„Ich ziehe den Hut vor meiner Partnerin“

Die psychische Belastung für seine Familie ist Alexander bewusst. „Keiner umgibt sich gern mit kranken Menschen.“ Im Gegensatz zu ihm ist eine Krebserkrankung für seine Partnerin kein Neuland. Vor zwölf Jahren erkrankte ihre Mutter an Brustkrebs. Trotzdem hat auch sie, in Alexanders Augen, wahrnehmbare Schwierigkeiten, sich darauf einzulassen. „Ganz ehrlich, du musst nicht jeden Tag zu mir ins Spital kommen“, sagt er damals zu ihr, da er ohnehin viel Besuch bekommt. „Und selbst wenn mal einen Tag lang niemand vor dem Bett steht und einen ausfragt, ist es ganz gut.“

Insgesamt zeigt sich Alexander von der Stressresistenz seiner Partnerin beeindruckt. Ohne die tägliche Unterstützung der Großeltern versorgt sie die Kinder, führt den Haushalt, geht arbeiten und muss auch noch ins Krankenhaus den Partner besuchen, wofür er sich ihr unendlich verbunden zeigt. „Ich ziehe den Hut vor ihr, wie sie das alles gemanagt hat.“

„Der Tumor kann weg, aber der Humor kann gerne bleiben.“
Alexander Heckrodt

Humor als ständiger Begleiter

Seit 2005 trägt Alexander Vollbart. Wenn er im Stress ist, krault er ihn. Während der Chemo ist es damit vorbei. „Wenn man morgens neben mehr ausgefallenen Haaren aufwacht, als man noch auf dem Kopf hat, ist das auch für einen Mann schlimm.“ Deshalb vergleicht er sich vor dem Spiegel mit „Meister Proper“ und Gru aus „Ich – Einfach unverbesserlich“. Er rettet sich so in seinen Humor.

Dezember Alexander Heckrodt Meister Proper Glatze Gru Einfach Unverbesserlich Vergleich Chemotherapie Foto
Alexander „Meister Proper“ Heckrodt war früher immer der Klassenclown und ist heute in seinem Freundeskreis dafür bekannt, immer einen dummen Spruch abzulassen. Foto: Privat

Zufrieden sein mit dem, was ist

Nach dem zweiten Chemozyklus sind die Lymphknoten wieder annähernd im Normbereich, weshalb die Therapiedauer von sechs auf vier Zyklen reduziert wird. Am Ende der Behandlung sind auch die grenzwertigen Lymphknoten wieder normal groß. „Daher gehe ich davon aus, dass die Erkrankung komplett remittierend ist.“ Er hofft, geheilt zu sein.

Das Risiko, dass die Erkrankung zurückkommt, sei gering. Zu 85 bis 90 Prozent bleibt er von einem Rezidiv verschont. Flammt die Sorge doch hin und wieder auf, lässt er die Angst kommen und horcht in sich hinein. „Was ist gerade Phase? Woran liegt es?“, fragt er sich in solchen Situationen, und lässt das Unwohlsein wieder ziehen. „Wenn ich mich hineinsteigere, bringt das nichts.“ Der achtsame Zugang hilft ihm. Abgesehen davon wird er alle drei Monate im Rahmen der Nachsorge untersucht.

Finanziell läuft es seit der Erkrankung schwierig, weshalb es zu Weihnachten nicht die großen Geschenke geben wird. „Kinder können Entbehrungen gut ertragen, wenn der Rest stimmt.“ Deshalb setzt er sich jede Woche neben die Kinder und fragt, ob sie etwas bedrückt, ob sie über etwas sprechen wollen. „Es vergeht kein Tag, an denen ich ihnen nicht sage, dass ich sie lieb habe“, sagt Alexander, „das ist für Kinder das Wichtigste.“

Dezember Alexander Heckrodt To Do Liste Gluecklich Sein Checkliste Wal Wasser Zeichnung Foto
„Für mich stand von Anfang an fest“, erinnert sich Alexander Heckrodt, „dass wir dieses Thema mit Erfolg abhaken und das Leben danach normal weitergeht, vielleicht noch achtsamer und intensiver als vorher.“ Foto: Privat

Von überzogenen Plänen für die Zukunft verabschiedet er sich, da er vor dem Krebs zu sehr am Erreichen seiner Ziele hing. Er wechselt den Job. „Ich verdiene jetzt zwar 25 Prozent weniger als vorher, aber dafür bin ich freitags wesentlich früher zu Hause.“ Seine Schwerpunkte in der Lebensführung sind: zufrieden sein mit dem, was er hat, und gesund bleiben.

Bart und Haare sind mittlerweile nachgewachsen. „Wer es nicht mitbekommen hat, wird jetzt wahrscheinlich nicht glauben, dass ich Krebs hatte.“ Er wünscht sich, dass mehr Männer seinem Beispiel folgen und über Krankheiten, Gefühle und Krebs berichten. Vielleicht gelingt es Betroffenen, ihr Schicksal positiv zu nehmen, denn dann werde es ein bisschen leichter. „Und Humor“, ergänzt Alexander, „Humor ist echt wichtig.“

Dezember Alexander Heckrodt Portraet

Foto: Privat

Alexander Heckrodt stammt aus der Göttinger Gegend. Vor dem Berufseinstieg dient er vier Jahre bei der Bundeswehr. Während der Ausbildung zum Bürokaufmann lernt er seine jetzige Partnerin kennen, zieht mit ihr nach Hamburg und gründet eine Familie.

Der Vater von zwei Töchtern erkrankt 2019 an Morbus Hodgkin. Er bloggt seit der Diagnose über seine Krebserkrankung, damit es weniger Menschen so ergeht wie ihm damals, als er noch nicht wusste, was ein Lymphom ist. 2020 ist er der reichweitenstärkste Kurvenkratzer-Blogger mit den bisher meisten Blogbeiträgen. „Ich bin derjenige, der mit Rückenschmerzen zum Arzt ging und mit Krebs wieder nach Hause kam“, fasst Alexander seine Geschichte zusammen. Seine Erkrankung ist heute in vollständiger Remission.

Von seinem stressigen, früheren Job verabschiedet er sich und arbeitet heute in einer gemeinnützigen Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. Der freiberufliche Fotograf ist mit seiner „Matchbox-Photobox“ in der ganzen deutschen Tuningszene bekannt.

Kurvenkratzer dankt Alexander Heckrodt für das ausführliche Gespräch, das wir für diesen Beitrag leider kürzen mussten.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

In der Videoaufzeichnung des Interviews erzählt Alexander Heckrodt außerdem von Erfahrungen mit anderen Patient*innen, finanziellen Hilfen, Krebsversicherungen, unwillkommenen Ratschlägen, einem mit Haftbefehl gesuchten Wunderheiler, dem Gespräch mit Kindern während einer Krebserkrankung, der Suche nach der Ursache und dem Zusammenhang mit seinen Depressionen, Achtsamkeit und Selbstorganisation sowie, welche Probleme Männer damit haben, über Krankheit und Emotionen zu sprechen.

Über die Serie

Stark sein? Runterschlucken? Das Schicksal ertragen? Wir von Kurvenkratzer bekommen latenten Brechreiz, wenn wir derartige Sprüche hören. Und warum flüstern wir, wenn wir über Krebs reden? Ja, Krebs ist in unserer Gesellschaft leider noch immer ein Tabu. Studien zufolge trifft aber jeden zweiten Menschen im Laufe seines Lebens eine Krebserkrankung. Krebs ist also alles andere als eine gesellschaftliche Nische.

In unseren Interviews sprechen wir mit Menschen, die Krebs am eigenen Leib erfahren haben oder nahe Betroffene sind. Wir reden mit ihnen über den Schock, den Schmerz, Hilfe zur Selbsthilfe, Humor und Sexualität, sowie darüber, wie es gelingt, Mut und Hoffnung zu finden. Damit möchten wir dich motivieren: Wenn du das Gefühl hast, über deine Erkrankung sprechen zu wollen, dann tu es. Du bist nicht allein.

Jetzt teilen