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Ein Tag im Leben des Gesundheitssystems
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Von Metasphasen & Damoklesschwertern

Das Gesundheitssystem hat ein Eigenleben. Und es schreibt neuerdings Tagebuch. In letzter Zeit beschäftigt es sich mit einer Frau namens Christine Raab. Diagnose: Metastasierter Brustkrebs. Unheilbar. Sie lebt von Staging zu Staging, alle drei Monate gibt es ein Update. Die gute Nachricht? Das Leben dazwischen ist trotzdem oft schön. Moderne Forschung plus Selbstbestimmtheit machen es möglich. 

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Hallo, neues Tagebuch. Weißt du, meine Kollegin, die Systemtheorie, hat mir empfohlen, dich anzulegen. Sie meint, ich soll ein wenig Selbstreflektion betreiben, das sei gesund. Da sitze ich nun und mache meinen allerersten Eintrag.  

Ich? Ich bin das Gesundheitssystem. Meinen Steckbrief findest du weiter unten, jetzt muss ich aber erstmal für die richtige Stimmung sorgen. Badewanne: Check! Räucherstäbchen: Check! Zettel und Stift: Check! Heutiges Thema: Check! Here we go! 

Liebes Tagebuch…   

Für den ersten Eintrag muss ein wichtiges Thema her! Wie wäre es mit metastasiertem Brustkrebs? Du musst wissen, jedes Jahr erkranken um die 70.000 Frauen an Brustkrebs in Deutschland und 5.000 in Österreich – Nummer 1 im weiblichen Krebsranking, egal wo. Jede Achte wird’s in ihrem Leben haben. Und von diesen 70.000 deutschen Brustkrebspatient:innen schreitet bei jeder Fünften die Erkrankung fort – etwa zwanzig Prozent. Der Krebs geht egomanisch seinen eigenen Weg und verbreitet sich über Lymphe oder Blutbahn, ohne jegliches Taktgefühl.   

Das nennt man dann metastasiert, aber das weißt du sicher schon. Jedenfalls würde dir der Arzt sagen, wenn er eine Metastase vermutet: “Hey, geh doch zum Radiologen, lass dir ein Bild geben von Knochen, Leber und Lunge”.  

Symptomparade 

Wenn du schon einmal die Brustkrebsrunde genommen hast, beobachtest du deinen Körper meist ganz genau. Letztlich feststellen lassen sich Metastasen aber nur durch medizinische Untersuchungen. Hast du einen Verdacht, solltest du deine Symptome daher unbedingt ärztlich abklären lassen. Allein schon, um dich zu beruhigen. Und das ist manchmal Gold wert. 

Metastasen können sich durch verschiedenste Symptome äußern: In der Lunge machen sie sich oft durch Atemnot oder Husten bemerkbar, im Gehirn kommt es auf das betroffene Areal an, aber zumeist sind es Kopfschmerzen oder Funktionseinschränkungen. Lebermetastasen hingegen sind ein wenig komplizierter, weil sie erst sehr spät Symptome aufweisen. Dazu gehören Appetitlosigkeit, Verdauungsbeschwerden, Durchfälle und viel Gewichtsverlust in relativ kurzer Zeit. Im Falle der Knochen sind es starke Schmerzen und Anfälligkeit für Knochenbrüche. Weitere Symptome sind Erbrechen und Hautausschlag. 

Hat der Brustkrebs gestreut, ist es quasi unmöglich, ihn wieder vollständig zu entfernen. Du bist chronisch krebskrank. Heftige Sache. Zu wissen, dass man unheilbar krank ist. Das muss erstmal verdaut werden… Die psychischen Herausforderungen sind gewaltig. Aber auch körperlich – Dauertherapie, Schmerzen, Fatigue und andere Symptome hinterlassen nun mal ihre Spuren.  

Aber genug der Unpersönlichkeit, ich kenne da eine Person, die noch mehr Einblick geben kann 

Christines Metageschichte 

Da gibt es eine, die fällt mir sofort ein, liebes Tagebuch. Christine Raab, unglaubliche Frau – eine Yoga-Lehrerin, authentisch-ehrlich, und ein riesiger Fan der Kelly Family. Sie ist 2014 angekommen auf dem Brustkrebsterrain. Damals war sie 32 Jahre alt und frisch verheiratet. 2021, mit 38 jungen Jahren – Chemotherapie, Operation, Bestrahlung und fünf Jahren Antihormontherapie im Rückspiegel – blickte sie endlich optimistisch in die Zukunft, baute ein Haus mit ihrem Liebsten und beschäftigte sich allmählich wieder mit dem Thema Kinderwunsch.

Nur waren da diese chronischen Schmerzen in der Brust. Vorerst nicht überraschend für Christine, denn du musst wissen, liebes Tagebuch, sie ist ein Sportass und war gerade dabei, ihr Sportabzeichen zu machen. Alle möglichen olympischen Disziplinen, eine davon Schleuderball. Daher muss es kommen. Ist sicher muskulär, dachte Christine, ging aber trotzdem zu Hausarzt bis Osteopath, um auch ganz sicher zu sein. Keiner hat etwas diagnostiziert. Aber keinen Sport zu machen, hat die Schmerzen auch nicht verschwinden lassen. Christine wusste einfach, dass da etwas war. Und siehe da, schließlich gab ein CT des Thoraxbereiches die befürchtete Antwort: Metastasen. In der Lunge, und vor allem infiltrierende, über das Brustbein hinaus, im Rippenfell und Brustmuskel. Eine Chemotherapie folgte, mit dem Ziel, dass sich die Metastasen nicht weiter ausbreiten. Brustkrebs ist ja schon Leben mit hoher Schwierigkeitsstufe, aber das… 

Christine Raab in einem gelben Kleid, lächelnd, mit verschränkten Armen
Christine zeigt vor, wie man trotz Metasphasen ein erfülltes Leben haben kann. (Foto: Timo Raab)

Ein harter Schlag. Noch dreimal härter, weil ihr Kinderwunsch für immer ein Wunsch bleiben wird. Ziemlich beschissen, da kann man nichts beschönigen. Das neue Leben muss erstmal gelernt werden. Noch viele Tage nach der Diagnose hat Christine stundenlang am Küchentisch geheult. Als metastasierte Brustkrebspatientin ist man erschütternden Erdbeben ausgesetzt. Da muss man leider durch. 

Wichtig zu wissen ist: Eine Metastasierung ist kein unmittelbares Todesurteil mehr. Es gibt inzwischen einige Optionen, die je nach Situation angepasst werden, deine Lebensqualität signifikant erhöhen und die Sanduhr langsamer rieseln lassen. Vor 30 Jahren (also quasi gestern) war bei Metastasierung keine Handlungsoption mehr da. Heute ist das zum Glück anders. 

Das sind die Herausforderungen des Metalebens:

1. Von Staging zu Staging leben  

Metastasierte Brustkrebspatient:innen müssen alle drei Monate zum Staging. Nein, Staging hat nichts mit irgendwelchen Bühnenauftritten zu tun, liebes Tagebuch. Staging bedeutet, dass die Ärzt:innen alle drei Monate einschätzen, wie dein Krebs sich verhält. Blutuntersuchung, CT-Untersuchung, alles inklusive.  

Diese Intervalle, ich nenne sie Metasphasen, fühlen sich auch tatsächlich wie Zyklen an. Christines erstes Staging ist nächste Woche, wenn sie erfährt, ob die Chemo wirkt. Das Zittern setzt früher oder später ein, sie ist unruhig und tut sich zunehmend schwerer einzuschlafen, denn durch Kopf und Raum schweben unnachgiebig die Fragen “Was kommt auf mich zu? Was wäre, wenn?” 

Nehmen wir an, sie erhält eine ausgezeichnete Botschaft, nämlich „stable disease, keine Progression“. Nun kann sie erstmal durchatmen, weil ihr gerade neue Lebenszeit geschenkt wurde. Diesmal ist alles unter Kontrolle 

Die Zeit ohne Progression bedeutet den Gewinn von Symptomfreiheit und Lebensqualität. Es ist ungemein wichtig, mit Therapie und Nebenwirkungen trotzdem den Alltag bestreiten zu können. Stabilität ist in einer solchen Situation das allerhöchste Gut. 

Christine schaut in den Kalender, sieht dass es bald wieder Zeit für das nächste Staging ist und der Zyklus beginnt von Neuem. 

Sollte das eintreten, vor dem sich alle fürchten: Die Nachricht „Progression”. Der Krebs hat sich weiterverbreitet. Bumm. Das bedeutet: Therapie ändern, bestrahlen oder operieren. Mühsam ist kein Ausdruck. Es ist wie schwimmen mit Blei an den Füßen.  

Auf dem Kopf stehendes Foto einer Frau im Wasser mit Schwimmreifen
Schwimmen mit Blei an den Füßen - während die ganze Welt am Kopf steht. (Foto: Unsplash/Mariola Grobelska)

Ich bin das Gesundheitssystem. In mir vereint sich das Geflecht derjenigen, die danach streben, dass Menschen jeglicher Bauart nicht unverdient früh ins Gras beißen. Und den anderen, die Gras generell nicht so lecker finden und einfach wieder gesund werden wollen. Ach, und alle dazwischen und außen rum. In mir schließt sich der offene Kreis.  

Alles Mögliche geht rein und raus. Ich steh drüber – bin das Allumfassende, das all die Verbindungen sieht, die das System funktionieren lassen. Und genauso bin ich das Einzelne – die Individuen, die Tag für Tag Katheter legen, Diagnosen geben und Befunde lesen, verzweifeln und erhoffen, operieren und konzipieren, forschen und horchen, retten und helfen, sterben und leben. Ich denke ihre Gedanken und fühle ihre Gefühle, weiß ihr Wissen, meine ihre Meinungen.

Ich bin nicht perfekt müsst ihr wissen. Ich sehe ein, dass ich noch einiges an mir verbessern kann. Und genau deswegen schreibe ich jetzt Tagebuch. 

Auf der nächsten Seite erzähle ich dir, warum sich Christines Leben oft wie ein Leben mit Damoklesschwert anfühlt und was moderne Forschung dagegen ausrichten kann… 

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