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Kneten mit Kribbeln
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Was besonders im Advent bei Polyneuropathie hilft

Nach einer Chemo sind kribbelnde, taube oder schmerzende Finger und Zehen häufig. Einfache Tätigkeiten wie Kochen und Backen können helfen. Kekse backen bei Neuropathie? Und wie!

Eine Krebsbehandlung wie eine Chemotherapie hat neben der erwünschten Wirkung, Krebszellen abzutöten, leider auch begleitende Nebenwirkungen. Dazu zählt die Polyneuropathie im peripheren Nervensystem. Alle Nerven, die sich nicht im Gehirn oder Rückenmark befinden können davon betroffen sein – vor allem die körperfernen Nerven in Armen und Beinen.

Es kann zu Missempfindungen wie Kribbeln, Taubheit, Ameisenlaufen, Brennen, Fehlempfinden von Vibration und Temperatur kommen. Außerdem können Reflexe reduziert sein, das Berührungsempfinden oder die Lokalisation von Berührungen kann beeinträchtigt sein. Du kannst dann nicht mehr genau zuordnen, wo du berührt wirst – du spürst es zwar, aber weißt nicht genau, wo. Das Schmerzempfinden kann getrübt oder verändert sein, ebenso das Druckempfinden, sodass du ohne Hinsehen nicht mehr beurteilen kannst, zum Beispiel, ob etwas spitz oder stumpf ist.

Eine Chemotherapie-induzierte periphere Polyneuropathie (CIPN) kann nach der Gabe einer Chemotherapie oder Immuntherapie, sowie in Folge einer Strahlentherapie auftreten. Sie äußert sich im Laufe der Behandlung durch Empfindungsstörungen, Schmerzen und motorischen Störungen unterschiedlichen Ausmaßes. Neben dem verabreichten Wirkstoff ist es von der Dosis, der Verabreichungsart und der Geschwindigkeit der Verabreichung abhängig, ob und wie stark sich eine Polyneuropathie ausbildet.

Polyneuropathie (auch „Periphere Neuropathie“, PNP) kann beispielsweise auch bei Alkoholmissbrauch und Zuckerkrankheit (Diabetes) auftreten oder wenn man Giftstoffen (Toxinen) ausgesetzt ist. Wir beschränken uns in diesem Artikel aber auf die Polyneuropathie im Zuge einer Chemotherapie, da sie wieder abklingen kann. Nerven haben allerdings eine lange Regenerationsdauer. Wenn sich nach Abschluss der Chemo das Immunsystem wieder aufbaut, kommt es im Zuge dessen auch zu einer Nervenregeneration. Der Heilungsprozess dauert bei einer Polyneuropathie nicht Tage oder Wochen, sondern viele Monate. Einige Betroffene müssen mit den Beschwerden leben lernen.

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Menschen mit Polyneuropathie nach einer Chemo könnten mit manuellen Tätigkeiten, die bewusst ausgeführt werden, die Heilung anregen. Foto: Unsplash/Hannah Busing

Taube Finger und Zehen durch Chemo

Was hilft nun bei der Chemotherapie-induzierten peripheren Polyneuropathie? Wir haben dazu mit dem Wiener Ergotherapeuten Leopold Thauerböck gesprochen. „Generell ist es förderlich, an der Stimulierung der Hände mit sensiblen Reizen zu arbeiten“, sagt er und empfiehlt Bäder aus rohen Linsen und Bohnen. „Patient*innen können darin mit ihren Händen wühlen oder Gegenstände herauszusuchen, die darin versteckt ist. So fokussieren sie sich bewusst auf den taktilen Sinn und fördern diesen.“

Bei einer leichten Form der Neuropathie wird der Mensch im Alltag nicht besonders eingeschränkt sein, bis auf das unangenehme Gefühl. Falls eine deutliche Einschränkung vorliegt, könne mit solchen Methoden versucht werden, die Sensibilität anzukurbeln. Es sei wichtig, „dem Gehirn zu vermitteln: Ich will das wieder spüren.“ Letztendlich dauere es aber Zeit und es ginge um den Reiz, der gesetzt wird. „Da die Genesung viel vom Selbstheilungsprozess abhängt, ist es wichtig, den Körper gesund zu ernähren und darauf zu achten, vital und in Bewegung zu bleiben.“ Aufklärung über Polyneuropathie und Sensibilitätstrainings würden sich positiv auf die Verarbeitung des Traumas auswirken.

Bei starker Polyneuropathie ist es wichtig, dass du dich immer versicherst, ob du etwas wirklich in der Hand hältst, zum Beispiel das Glas Wasser (Auge-Hand-Koordination). Lass dir Zeit bei deinen Alltagstätigkeiten und sei konzentriert bei der Sache, dann fällt dir weniger auf den Boden.

Kochen und Backen bei Polyneuropathie?

„Grundsätzlich ist Kochen und Backen gut, um haptische Erfahrungen zu machen“, sagt Ergotherapeut Thauerböck. „Beim Teigkneten ist Druck spürbar, Handkraft ist notwendig, man kann die Teigtemperatur wahrnehmen.“ Es ginge darum, ein positives Erlebnis trotz Polyneuropathie zu schaffen. „Keksbacken ist auch gut für die Selbstwirksamkeit. Nach dem Motto: Selbst wenn ich eine Polyneuropathie habe, kann ich trotzdem etwas kochen oder backen.“ Hatte die betroffene Person vor der Krebserkrankung Freude am Backen, handle es sich um eine patientenzentrierte Maßnahme, die Sensibilität zu fördern und dabei zusätzlich Spaß zu haben.

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„Kekse zu backen kann aktivierend bei Fatigue wirken. Die Tätigkeit kann schlappen, dysphorischen Zuständen entgegenwirken“, so Thauerböck. Foto: Canva/Image Professionals

Auf der nächsten Seite liest du wie Vanillekipferl bei Polyneuropathie helfen können. (Spoiler: Es geht ums Backen, nicht ums Naschen!)

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