Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at

Anne Nieland: Der Gewinn

Dieses Buch ging genau einen Tag, nachdem ich den Blogtext zu meiner Krebs-Bestsellerliste online gestellt hatte, in der Instagram-Brustkrebs-Community viral (wie man neudeutsch sagen würde). Begeisterte Stimmen hier und da. Der Link zum Buch von “Mausemama“, wie sich die Autorin auf Instagram nennt, wurde zigfach in Stories geteilt. Das reichte, um mich ausreichend neugierig zu machen und ich bestellte mir das Buch postwendend.

Und: Was soll ich sagen? Ich las die 273 Seiten in einem Rutsch durch und es war mir klar, dass es definitiv zu den guten, nein!, zu den besten Büchern gehörte, die ich gelesen hatte. Deshalb entschloss ich mich, unbedingt ganz schnell einen Nachtrag zu machen und eine Rezension zu Annes Buch zu verfassen. Es wäre nicht fair, es erst irgendwann in einer zweiten Krebs-Bestsellerlisten zu erwähnen. Nein, dieses wundervolle Corona-Krebs-Buch muss genau jetzt erwähnt werden, weil es mitten in den Nerv der Zeit hineintrifft!

Ich empfehle das Buch für alle,

die in den nächsten Tagen nichts vorhaben, denn ihr werdet es nicht mehr aus der Hand legen können. Euch erwartet ein ehrlicher, absolut authentischer, aber definitiv kein trauriger oder beängstigender Bericht über eine Krebserkrankung, die eine junge Frau inmitten ihres Alltagswahnsinns aus Kindern, Familie, Job und dem Supergau Corona-Pandemie trifft.

Kurz und knapp: Um was geht´s?

Anne Nieland erzählt im Tagebuchstil (Aus dem anfänglichem Aufschreiben nur für sich selbst entstand die Idee, die Erinnerungen für ihre Familie und Freunde festzuhalten, bis dann die Buchidee erwuchs.) von den rund 1,5 Jahren zwischen ihrer Brustkrebsdiagnose, die sie im Corona-Sommer 2020 mit 35 Jahren trifft, und dem September 2021, nachdem sie ihre Chemotherapie abgschlossen und zwei Brust-Operationen hinter sich gebracht hat. Sie nimmt die Leserinnen und Leser mit auf ihre Krebsreise zwischen zwischen Arztpraxen und Operationssaal, Kontaktbeschränkungen, Lockdown und Homeschooling, die sie zusammen mit ihrem Mann und drei Kinder im selbst gebauten Haus (die Geschichte hinter dem Hausbau, die sie kurz andeutet, scheint wohl auch Potential für ein Buch zu haben. Ich würde es kaufen, liebe Anne!) erlebt.

Zusatz-Gimmicks:

  1. Des Rätsels Lösung…

Warum heißt das Buch „Der Gewinn“? Ich dachte zunächst in Richtung „Ich danke meinem Krebs“. und „Die Krise als Chance“. Alles gute Gedanken, alles oft gehörte Sätze von Krebspatientinnen, die ihre Erkrankung hinter sich haben. Aber: So meint es Anne Nieland nicht. In wunderschönen Worten erklärt sie auf einer der vorletzten Seiten ihres Buches, warum sie diesen Titel gewählt hat. Am Ende meiner Rezension (Etwas Spannung muss schon noch sein!) teile ich euch ihre Message mit. Die ist zu wichtig, zu gut, zu hundertprozentig meine, um damit warten zu können, bis ihr das Buch in euren Händen haltet!

  1. Geburtstagswunsch ans Leben

Anne feiert am Ostersonntag 2021 ihren 36. Geburtstages. An diesem Tag lässt sie ihre Krebsreise Revue passieren und schließt das Kapitel mit Glückwünschen an sich selbst und an ihr Leben: „Happy Birthday an meine Leben. !!!ENDE!!!“)

  1. Ein zweites letztes Kapitel

Nach ihrem offiziellen Schlusswort („Moment mal“) und den Danksagungen schickt Mausemama ihre Leserinnen und Leser mit einem Spruch hinaus ins Leben und beendet damit eigentlich ihr Buch.  Allerdings fügt sie dann 5 Monate später noch ein weiteres letztes Kapitel hinzu („Da war noch was oder: 5 Monate später“) und entlässt uns dann „erneut und jetzt aber wirklich“ mit demselben Worten wie zuvor schon.

Anne Nieland: Der Gewinn
Annes Aufforderung an ihre Leserinnen und Leser

Ich mag das Buch, weil

es quasi meine Situation beschreibt. Auch „mein Rucksack platzte“ und ich schob einen prallgefüllten „Trolli neben mir her“ , als ich wie Anne meine Krebsdiagnose inmitten  der Corona-Pandemie erhielt und mit Schul- und KiTa-Schließungen, Homeschooling und Homeoffice, mit Alleingängen in Arztpraxen, mit Masken im Gesicht und ständigen Coronatests („Ganz ehrlich? Stetige Chemoübelkeit un Stäbchen im Rachen? Suche den Fehler.“) konfrontiert war.

Der Mausemama gelang es, mich immer wieder zum Schmunzeln zu bringen. Sehr oft entlockte sie mir aber auch ein „Genau so war es auch bei mir!“ und ich fragte mich: „Kennt Anne mich? Kennt Anne meine Gedanken? Kennt Anne die Annette von früher?“ Fast schon beängstigend oder einfach nur schön?! Ab und zu musste ich auch ein Taschentuch zücken, weil ich das Gefühl hatte, dass die Autorin mich und meine Gefühlswelt kennt. Ich danke dir von Herzen für deie Geschichte, liebe Anne. Sie ist wahrlich ein Gewinn für mich gewesen!

Anne Nieland: Der Gewinn
Anne auf der Rückseite ihres Buches

 

 LESEPERLEN aus „Der Gewinn“

 Herrlich ehrlich!

Aber heute fällt „stark sein“ aus. Und es ist in Ordnung. Denn stark sind wir dennoch weil wir doch auch keine andere Wahl haben. Welche Option hätten wird denn?! Gar keine. Das ist das „Problem“. Wir haben keine Option, wenn wir leben wollen. Und deswegen ist man auch stark. Aber heute bin ich es nicht. Ich nehme es hin.

Genau so ist es…

Meine Familie und Freunde freuen sich für mich, dass morgen Nachmittag [die Chemotherapie] vorbei ist. Mir fällt es schwer, mich zu freuen. Die Ungewissheit vor der nächsten Etappe ist enorm. Zudem bin ich einfach leer. Erschöpft und definitiv am Ende. Natürlich bin ich stolz und erleichtert, dass ich so weit gekommen bin, mein Körper und auch meine Seele streiken gerade.

Sprachliche Fundstücke

Superheldinnenkostüm = um bei Arztterminen, in schwierigen Gesprächen mit Freunden oder Angehörigen oder bei aufkommenden Ängsten zu funktionieren, trägt Anne ein „Schutzschild“ und stellt Anne in den „Funktioniermodus“. Das beschreibt sie im Buch immer damit, dass sie ihr „Superheldinnenkostum trägt“. Manchmal bekommt es aber auch „Risse, teilweise sogar schon Löcher“.

Medizintag = so nennen Annes Kinder die Tage, an denen sie ihre Chemotherapien erhält

mit der Couch verheiratet = die Chemotherapie fordert mit der Zeit ihren Tribut, Anne wird schwächer

Ganzkörpergänsehaut = entsteht bei der Autorin, als sie während einer Chemositzung den Song „You are beautiful“ von Christina Aguilera hört, den Freundinnen aus ihrem Gesangsensemble Audiodatei geschickt haben

Wäre ich Harry Potter, hätte Lord Voldemort mich ausgesaugt. = Zustand nach der vierten EC-Chemo („Mein Spiegelbild sagt: Jep, so sieht eine Krebskranke aus.)

Ihr Knochenmark wird tanzen. = Information der Ärztin über die Reaktion des Körpers auf die beiden Spritzen zur Steigerung der Produktion weißer und roter Blutkörperchen

Miesepeterstimmung Hoch 10 = aufgrund schlechter Blutwerte wird eine Chemotherapie abgesagt („Es ist ambivalent. Am Anfang ist man einfach traurig, gefrustet oder auch schlecht gelaunt und mag keine Chemo bekommen. Und wenn es dann soweit ist und man kann nicht, dann will man sie.)

reines Polyester auf der Haut plus Cortison im Blut = Zustand der Autorin, die am 23.12. während ihrer Chemotherapie eine Weihnachtsmannmütze trägt („Da ist Hitze vorprogrammiert.“)

Miss 100 Prozent = so bezeichnet Anne die Person, die sie vor ihrer Diagnose war („Mit der Devise, es allen recht zu machen.Manchmal vielleicht zu viel des Guten. Ohne Rücksicht auf die eigenen Verluste“.) 

Hulk = Zwischen Chemo und OP fühlt Anne sich nicht wie sie selbst, sondern wie „Das Biest“ oder eine „tickende Bombe“, die jeglichen Rückenwind ihres Mannes an sichm abprallen lässt („Meine Launen sind unterirdisch und ich selbst würde gearde ungern mit mir verheiratet sein.“)

Golden Girls = in Anlehung an die gleichnamige US-Fernsehserie über 4 Damen in einer Wohngemeinschaft in Miami vergleich Anne sich und drei Frauen, die sie im Laufe ihrer Chemotherapie kennenlernt und die zu guten Bekannten werden

Mein Wasserfall ist/springt wieder an. = weinerlicher Zustand nach der letzten Chemoinfusion, als Anne gar nicht so recht weiß, ob sie sich freuen soll bzw. kann, weil sie einfach nur völlig erschöpft ist.

Annegeddon = in Anlehnung an den Begriff „Armageddon“,den Jüngsten Tag, benennt Anne ihren Gemütszustand nach der Akuttherapie inmitten von Corona und voller seelischer Narben  

Humor statt Tumor

Meine Haare wachsen wieder. Bisher bleiben allerdings die von mir erhofften Chemolocken noch aus. Irgendeinen Nutzen soll das Ganze doch haben und ich wollte schon immer mal Locken haben.

Gänsehautmoment

Während der Chemo wünschte ich mir immer wieder nichts sehnlicher herbei, als zum Waser zu fahren und dort zu schreiben. Ja, ich wollte einfachen schreien. All die Wut aus mir rauslassen. Jedoch passierte heute genau das Gegenteil. Ich stehe am Wasser und bin im Hier und Jetzt glücklich. Mir laufen die Tränen übers Gesicht. Ich bin glücklich. Unsere Kinder rennen durch den Sand, sammeln Muscheln und erfreuen sich des Lebens. Und ich heule. Kein Hauch von Wut. Ein wenig Demut. Ein wenig Traurigkeit. Ein wenig viel Erschöpfung. Aber ganz viel Glück. In dem Moment. Und auch jetzt wäre der Moment zum Zeit anhalten genau richtig.

Positive Brillengläser

Wirklich einen Plan oder eine Idee, wie ich auf die Dauer damit umgehen kann, habe ich nicht. (…) Ich versuche, mich an kleinen Momenten nach vorne zu arbeiten. Kleine Schritte, wenig Druck, Zeit. (…) Abwarten, was die Zeit bringt. Aber in einem bin ich mir sicher: Es wird sie wieder geben. Die schrillen, die lebendigen, verrückten Momente, das Albernsein, das Kindsein, das Lautlachen, das „wild, frech und wunderbar“.

Spoiler: Ich weiß nicht, ob es beabsichtigt ist oder ob ich zu viel in die Zeilen hineininterpretiere. Aber… Die drei Adjektive „wild, frech und wunderbar“, mit denen das Buch endet, haben mich sofort an das Buusenkollektiv erinnert. Das ist ein Projekt von (ehemaligen) Brustkrebspatientinnen, die Shirts, Postkarten und andere Accesoires mit witzigen, motivierenden Sprüchen für die Krebs-Chemo-Zeit verkaufen sowie die berühmten „Tittie-Talks“ ins Leben gerufen haben, Online-Selbsthilfegruppentreffen in einer virtuellen Wohnung. Das Motto der „Buusenfreundinnen“ Rhea und Lena, den Gründerinnen des Buusenkollektivs ist „Laut, frech, wild. Solidarisch, kreativ und ermutigend. So wie wir es auch sind.“ Anne Nieland, die Autorin von „Der Gewinn“ gehört seit Kurzem zum Buusenkollektiv. Von daher liegt die Idee doch nahe, oder?

Und falls dem nicht so ist, dann ist es auch egal, denn Werbung für das Buusenkollektiv mache ich hier dennoch sehr gerne!

Mehr über Anne Nieland:

Instagram-Profil von “Mausemama”: https://www.instagram.com/mausemama/

Artikel im Stadtanzeiger vom 2.6.2022: https://www.facebook.com/photo/?fbid=5446459298738960&set=a.557425534309052

Nicht der Krebs ist der Gewinn. Sondern ICH bin der Gewinn, und das bin ich mir und meinem Leben wert.
- Anne Nieland: Der Gewinn, S. 258

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