Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at

Miriam Pielhau: Fremdkörper

Ich empfehle das Buch für 

alle, die kein Drumherumreden, sondern klare Fakten über die Auswirkungen von Chemo, Bestrahlung und Co. auf den Körper und die Psyche eines Menschen haben möchten. Zudem solltest du ähnlich sportverrückt sein wie Frau Pielhau (und ich), um zu verstehen, welche Freude und Kraft sie aus ihrer Aktivität zieht.

Kurz und knapp: Worum geht´s?

Die Autorin, zum damaligen Zeitpunkt eine bekannte Fernsehmoderatorin, erhielt mit 32 nach einer gynäkologischen Routineuntersuchung die Diagnose „Brustkrebs“. Sie beschreibt im tagebuchähnlichen Stil sehr offen und klar, einerseits humorvoll, andererseits sehr ernst und mit fachlichen Informationen gespickt vom Tag, an dem sie das Ergebnis ihrer Biopsie erhält bis zum Zieleinlauf des Halbmarathons, den sie am Ende ihrer Akuttherapiezeit läuft.

Zusatz-Gimmick: Im Mittelteil des Buches befinden sich viele Fotos, die die Autorin im Laufe ihrer Krebserkrankung zeigen.

Ich mag das Buch, weil…

es das erste Buch war, das ich schon wenige Tag nach meiner Diagnose zu lesen begann. Ich las es in zwei Tagen, weil es mich wahrlich fesselte. Es hat mich sehr beeindruckt, wie Frau Pielhau durch die keineswegs leichte Zeit gegangen ist und wie ihr der Sport durch ihre tiefsten Täler hindurch und vor allem auch heraus geholfen hat. Sie war Motivatorin für mich, in der auswegslos scheinenden Anfangszeit meiner Krebsreise auf mein Mountainbike zu steigen.

Herrlich ehrlich!

Aushalten ist eine immer wiederkehrende Disziplin während einer Chemotherapie.

Genau so ist es…

Meine Tour über den Krankenhausflur ist kurz, langsam und etwas wackelig, okay. Aber das Gefühl, nach diesem wichtigen Schritt des Gesundwerdens – der OP – wieder einige eigene echte Schritte zu machen, ist unbezahlbar. Ich bin wieder hergestellt. Eine Woge Glücksgefühl breitet sich warm in mir aus.

Sprachliche Fundstücke

Happy-End-Lebensphilosophie = unbeschwertes Lebensgefühl der jungen Hauptperson vor ihrer Diagnose

ein Schwein ruft mich an = Überschrift des Kapitels, indem Frau Pielhau beschreibt, mit wie vielen Text- und Sprachnachrichten sie nach ihrer Diagnose überhäuft wird und wie sie rigoros Kontakte löscht, weil ihr manche Leute nicht guttun

unangebrachte Ungerechtigkeit des Schicksals = die Tatsache, dass die Autorin eine Krebsdiagnose erhält

Mensch-Menno-Mist-Tag = angesichts sehr niedriger Leukozytenzahl muss sie sich spritzen

Prof. Dr. Fragwürdig = ein absolut empathieloser Arzt, der Frau Pielhau als Koryphäe empfohlen worden war und sie unmöglich behandelte(„Ich kenne Sie müssen kämpfen. (…) Heulen bringt nichts. Verstanden? (….) Ich kenne so Frauen wie Sie, die dann abbrechen, wenn sie nicht mehr können.“), dem sie ein ganzes Kapitel widmet

Muckibuden-Meditation = auf dem Laufband kommt sie zur Ruhe und innerem Frieden

konfettispuckende Bespaßungskanone = Gegenteil ihres Zustands, nachdem sie feststellt, dass sie ihre letzte Wimper verloren hat

Paradies für Frau Pril = porentief reiner Zustand ihrer Wohnung vor der Krebserkrankung durch diszipliniertes ständiges Putzen

Krümel-Toleranzgrenze = infolge ihrer Diagnose verschiebt die Autorin diese nach oben, indem sie lernt, sich „im Angesicht von Staubfahnen und jämmerlich verendeten Fliegen unterm Sofa auf selbiges draufzulegen, um die Fernbedienung und nicht den Feudel in die Hand zu nehmen”

Humor statt Tumor 

Nach 20 Minuten liegt alles, was ich auf dem Kopf hatte, im Waschbecken. (…) Immerhin: [beim] Karaoke werde ich Sinead O´Connors Nothing compares to you ab heute besonders glaubhauft interpretieren. Zumindest optisch.

Gänsehautmoment

Bevor ich zu ihr kommen konnte, ist sie gegangen. Still und leise, ohne Tschüss zu sagen. (…) Unsere Großmutter ist tot. Meine Omi. Omi…

Positive Brillengläser 

Ich schicke einen atemlosen Dank gen Himmel. Danke. Für alles. Ich bin am Ziel. So oder so.

Spoiler: Im Klappentext steht „Miriam Pielhau hat es geschafft. Sie hat den Krebs überwunden (…)“. Dies entspricht leider nicht mehr der Wahrheit: 2015 wurde bei ihr Leberkrebs diagnostiziert (Darüber schrieb sie ein zweites Buch, „Dr. Hoffnung“). 2016 verstarb sie ganz plötzlich.

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