Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at

Sandra Polli Holstein: rumgeKREBSt mit Chemo, Charme und Schabernack

Ich empfehle das Buch für alle,

die mit Humor an ernste Themen herangehen können, Freude am Dialekt haben und die es nicht stört, dass immer wieder ein Hund, nämlich Fido, in diesem authentischen Krebsbericht auftaucht. 

Kurz und knapp: Worum geht´s?

Die Autorin lebt als Schweizerin in Hamburg und ist Mitglied in derselben Brustkrebs-Facebook-Gruppe ist wie ich. Das Buch beginnt mit einem kurzen Rückblick auf ihre Vergangenheit mit einer sehr spannenden Vita: Polli war Musicaldarstellerin auf einem Kreuzfahrtschiff und hat sich kurz vor ihrer Erkrankung als Hundefriseurin selbständig gemacht. Dann erzählt sie auf zwei Erzählebenen vom Jahr, in dem sie sich aufgrund ihrer Lymphdrüsenkrebsdiagnose in der Akuttherapie befand (jeweils mit Monatsnamen überschrieben) und bei der Reha war. Zusätzlich hängt sie unter verschiedenen Hasthags wie z.B. #Vergänglichkeit, #Leben, #Zuckerbrot oder #Wundermenschen ihren (teilweise fast philosophischen) Gedanken nach, die sie aus ihrer herausfordernden Lebenssituation für sie ergeben haben und ihren Blickwinkel auf das Leben veränderten.

Zusatz-Gimmicks:

  1. Jedem Kapitel ist eine farbige Collage mit privaten Fotos der Autorin sowie ein witziges Zitat oder gar herrlich schwarzhumoriger Krebswitz vorangestellt.
  2. Am Ende jedes Kapitels steht in fettgedrucktem Kursivdruck eine Art Quintessenz oder Geheimtipp, die bzw. der sich für die Autorin aus ihren Gedankengängen in diesem Kapitel ergibt.

Ich mag das Buch, weil… 

es so frei heraus geschrieben, aber dennoch nicht oberflächlich ist. Es beweist an vielen Stellen sehr viel Tiefgang und bringt einen zum Nachdenken über das eigene Leben und regt zum Überdenken seiner eigenen Sichtweisen an. Außerdem finde ich die Informationen rund um Behörden, Versicherungen, Krankenhäuser und Reha klasse. Sie sind für Patienten, die gerade in der Therapie sind, sehr, sehr nutzwertig, weil man während einer Chemotherapie wahrlich andere Sorgen hat. Die schwyzerdütschen Einschübe, wenn Polli z.B. mit ihrem „Schwöschterli“ telefoniert oder erzählt, dass es ihr infolge der Chemo „d´Nägel ufe rollt“. Unschlagbar auch ein Austausch per Messenger mit einer Freundin. Würde ich diesen hier mit Ton wiedergeben, wäre er mit zensierendem Dauerpiepen unterlegt, da er zu viele Schimpfwörtern und Kraftausdrücke enthält.

Sandra Polli Holstein: rumgeKREBSt mit Chemo, Charme und Schabernack

LESEPERLEN aus „rumgeKREBSt mit Chemo, Charme und Schabernack”

Herrlich ehrlich!

Natürlich frage ich mich: „Warum habe ich gerade diese Krankheit bekommen? Was habe ich falsch gemacht und bin ich vielleicht selber schuld?“ Doch gleichzeitig muss ich mir die Gegenfrage stellen: „Warum nicht du? Warum sollte jemand anderes an meiner Stelle so krank werden?“ 

Genau so ist es…

[Ich bin] plötzlich lustlos, leicht reizbar und entsprechend schlecht gelaunt. Was ist passiert? Als ob bei mir jemand auf den Knopf „traurig“ gedrückt hat. Mir wird schwindelig, ich habe Schweißausbrüche und Dinge, dir mir eben noch leichtgefallen sind, fallen mir schwer. Das nervt und schlägt auf die Stimmung. Sind das etwa die Wechseljahre? Mit knapp achtundvierzig Jahren (im Kopf maximal achtundzwanzig) bin ich aber nicht bereit dazu. Leider ist es durch die Chemotherapie [so].

Sprachliche Fundstücke

dicke Montagabendkrise = Zustand der Autorin am Vorabend ihrer stationären Aufnahme in die Onkologie

wandelnder Wasserballon = Körpergefühl nach der Chemo

Oben-ohne-Saison ist eröffnet = nach der dritten Chemo 

Hunde-Facebook = der Hund der Autorin bleibt bei seiner Gassirunde gerne an vielen Ecken stehen, bis er sich entscheidet, ob er „eine Pinkelnachricht, ein Kommentar oder ein Post hinterlassen wird“

Boxenstopp = Nachsorgetermin (die Autorin vergleicht ihre Krebsreise mit der Formel 1)

Humor statt Tumor

 [Niclas] sitzt im Auto neben mir, schaut mich von der Seite an und fragt: „Willst du so, ohne Mütze, einkaufen gehen?“ (….) Mir ist bewusst, dass diese Situation für einen bald fünfzehnjährigen nicht leicht ist. „Wir können ja wetten, ob uns in der Warteschlange an der Kasse jemand aus Mitleid vorlässt oder nicht?“, schlage ich ihm vor. Wir lachen beide los und ich bin stolz auf ihn, dass er diesen Einkauf mit dem Rückgrat eines Erwachsenen durchzieht 

Gänsehautmoment

Doch dieses beklemmende Gefühl steigt im Wartezimmer weiter, bis es kaum noch auszuhalten ist. Mein Puls rast, ich atme unregelmäßig und verkrampfe mich so sehr, dass die Angst spürbar den Nacken hochzieht. Oh mein Gott, was mache ich nur, wenn der Krebs mich nicht loslassen will? Meine Augen füllen sich mit Tränen. (…) Trotz der Jacke ist mir kalt und (…) dann klingt das Lied in meinem Kopf: „… doch jeder Atemzug hängt am seidenen Faden…“ Es ist der Song, der mich beim Tod meines Bruders begleitet hat.

Positive Brillengläser

Ich kann keine Wut oder Aggression gegen meinen schreienden Krebs empfinden. Klar bin ich traurig, verunsichert und mache mir Sorgen, aber ich versuche, ihn anzunehmen, tapfer zu sein und jeden Tag irgendwie zu genießen.

Spoiler: Es gibt einen zweiten Band

Die Autorin hat während der Corona-Zeit einen zweiten Band zu ihrem Buch geschrieben: „ausgeKREBSt. Mit Chancen, Checks und Corona“. Diesen ist gestern nach einer Reise im Briefumschlag bei mir angekommen. Ich freu mich schon darauf, ihn zu lesen. Er passt wie die Faust aufs Auge zu meinen momentanen Zustand, wie der Klappentext mir verspricht:

 Denn auch wenn sie das Glück auf eine Leben nach dem Krebs hat, hat sich vieles verändert. Ihr Körper hat den Krebs überstanden, doch der Verstand und die Seele müssen erst lernen, mit dem Geschehenen umzugehen. Auf dem Weg in eine normales Leben [werden] die Haare länger, das Gesicht runder und die Nachsorgeterminen zur Routine (…)”.
Sandra Polli Holstein: rumgeKREBSt mit Chemo, Charme und Schabernack
Und weiter geht's in Pollis Leben..

Mehr über die Autorin:

Auf Pollis Homepage https://pollis-seitenblicke.de findet ihr Informationen über sie und ihre Veröffentlichungen sowie einige lesenswerte Texte, z.B. ihre Auseinandersetzung mit der Frage „Krebs – die neue Hipster-Krankheit?“ (https://pollis-seitenblicke.de/krebs-die-neue-hipster-krankheit-wenn-promis-auf-krebs-aufmerksam-machen-%EF%BF%BC/)

Pollis Buch hat es außerdem auf die Watchlist von Yeswecan-cer, einer Plattform für Krebserkrankte geschafft. Dort stellt die Redaktion Bücher, Filme und Apps zum Thema “Krebs” vor, die sie als interessant und hilfreich bewertet: https://yeswecan-cer.org/watchlist/

Jetzt teilen