Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at

TICKET (Aus meinem Buch „Erinnere mich…Hässliche Schönheiten“)

Ticket

Wie alles begann…

Das Ticket für meine New York Reise hatte ich gebucht. Nichtsahnend, dass schon in ein paar Wochen ein Virus namens „Corona“ die Menschen weltweit durcheinander, und eine schreckliche Diagnose mein Leben in sehr große Gefahr bringen sollte. Das Flugticket und das Hotel hatte ich mir schon ausgesucht, und da ich zu dem Zeitpunkt etwas Geld übrig und paar Tage Urlaub genehmigt bekommen hatte, buchte ich mir diese Reise nach New York im Februar 2020.

Endlich wieder in meiner Lieblingsstadt zu sein, erweckte in mir ein Gefühl von Abenteuerlust und Glückseligkeit. Ich würde dieses Mal nach Harlem fahren, mir die Duke Ellington Statue und das Jazz Museum anschauen. Zu Fuß von Downtown nach Updown laufen und vieles mehr. Ich hatte einen guten Plan, mir eine To-do-Liste erstellt, war dafür bereit und überzeugt, dass diese Reise etwas ganz Besonderes sein würde. Was sie, so im Nachhinein gesehen, auch war.

Diese Reise nach NYC hat mein Leben verändert!

 

— Harlem —

Draußen schien die Sonne, und ein wunderschönes, warmes Licht durchflutete mein Hotelzimmer.
Die Tage zuvor hatte es nur geregnet und ein grauer Schleier überzog die Straßen von New York.
„Endlich ein schöner Tag, um nach Harlem zu fahren!“, dachte ich mir. Doch irgendwie war ich noch zu müde, um aufzustehen. Das Hotelbett war ja auch sehr bequem, und ich hatte einen tollen Ausblick auf die CanalStreet.
Die Morgensonne schien nun noch stärker auf die Skyline, die Fassaden der Hochhäuser glänzten majestätisch. Dieser sehr angenehme Anblick motivierte mich, aufzustehen und nach draußen zu gehen.

Ich war wieder in Downtown New York. Und doch war ich so seltsam müde und kraftlos. Obwohl mir aufgefallen war, dass ich in den letzten Wochen allgemein schwächer geworden war und immer wieder starke Kopfschmerzen hatte, versuchte ich dies zu ignorieren.

Ich ging einen Kompromiss mit meinen neuen „Schwächen“ ein, ohne mir großartig Sorgen zu machen und redete mir ein, dass alles in Ordnung wäre.

Gegen 12 Uhr war ich dann endlich in Harlem. Ich beschloss, zuerst das Apollo Theater in der 125. Straße und dann danach das NationalJazzMuseum in der 129. Straße anzuschauen. Ich stellte mir vor, wie früher die Jazzmusiker hier an diesem magischen Ort standen und sich mit Musikerkollegen unterhielten, bevor sie in den wunderschönen Konzertsaal gingen, um ihren Gig zu spielen. Wie gerne ich doch dabei gewesen wäre. Tagträume sind sehr schön, sich in Gedanken zu verlieren, hat fast etwas von Zeitreisen. Und genau an diesem Ort, im Apollo Theater, wurden Legenden der Musikwelt erschaffen. Nun stand ich also genau dort und fühlte mich wie im Jazz-Himmel. Es war alles so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nur diese seltsamen Kopfschmerzen holten mich wieder in die Realität zurück.
Es waren sehr starke Schmerzen, und wurden zunehmend schlimmer. Obwohl ich von einem Neurologen in Berlin starke Tabletten gegen Migräne bekommen hatte, halfen mir diese nicht wirklich. Mir wurde davon schwindelig, ich wurde extrem müde, musste mich hinlegen und meine Augen schließen. Nach ein paar Stunden in diesem Zustand ging es mir zwar etwas besser, aber die Kopfschmerzen ließen mich trotzdem nicht in Ruhe. Sie wurden nur etwas milder. Deswegen nahm ich an diesem Tag keine Tablette, versuchte den Schmerz zu unterdrücken und weiter durch Harlem zu laufen.
Als ich die Tür vom Jazz-Museum öffnete, hörte ich sofort sehr schöne Musik. Die Stimmung war entspannt und die Zuhörer sehr interessiert. Fünf coole Musiker aus Harlem hatten an diesem Tag ein Konzert und es war Zufall, dass ich kurz vor Beginn der Veranstaltung dort eingetroffen war. Ich kaufte mir ein Ticket, setzte mich hin und freute mich sehr, dabei zu sein. Doch schon nach einer halben Stunde wurden die Kopfschmerzen so unerträglich, dass ich der schönen Musik nicht weiter lauschen konnte.

Im Gegenteil, jeder einzelne Ton fühlte sich in meinem Kopf wie ein sehr starker Schlag an. Ich musste gehen, so schnell wie möglich in das Hotelzimmer kommen, Schmerztabletten nehmen und mich hinlegen.

Ein netter Typ, der dort im Jazz-Museum einen Job hatte, Mike hieß er, fragte mich, ob alles in Ordnung wäre, und warum ich so früh das Konzert verlassen würde.

Dass ich so früh gehen musste, war mir sehr unangenehm, und ich entschuldigte mich bei ihm. Verständnisvoll und sehr herzlich verabschiedete sich Mike von mir, und ich ging zum Ausgang.

Ich weiß bis heute nicht so richtig, wie ich von Harlem wieder in das Hotel in der Bowery gekommen bin. Dass ich mit der U-Bahn gefahren bin, daran kann ich mich erinnern, an den Rest nicht mehr.

Als ich in meinem Hotelzimmer ankam, war ich komplett am Ende meiner Kräfte und zugleich sehr erleichtert, mich endlich in das Bett verkriechen zu können. Diese Kopfschmerzen waren so stark, dass ich dachte mein Kopf würde, wortwörtlich, jeden Augenblick explodieren. „So fühlt sich also Migräne an!“, dachte ich mir, bezweifelte aber meinen Gedanken im gleichen Augenblick.

Ich nahm an diesem Nachmittag starke Schmerzmittel, und legte mich hin. Nicht einmal meine Schuhe konnte ich ausziehen. Meine Energie, auf die ich immer sehr stolz gewesen war, war weg.

In diesem Moment wurde mir sehr bewusst, dass mit mir etwas nicht mehr in Ordnung ist…

Jetzt teilen