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Zyklus 4: Der Weg wird steiniger – und ich eine Mentaltrainerin

Mo., 04.11.2024

Am Freitag habe ich die Abschlussprüfung von meiner Mentaltrainer-Ausbildung. Anfang der Woche fällt mir das Lernen noch sehr schwer, in meinem Kopf ist Nebel und ich krieg nichts ins Hirn. Aber am Ende bin ich doch noch fertig geworden mit dem Lernen. Ich war die erste Kandidatin und habe nach der Präsentation meiner Diplomarbeit und Beantwortung der Prüfungsfragen von meinen Kollegen Standing Ovations bekommen.

  1. Woche:

Am Montag ist enorm viel los auf der Station und ich komme noch dazu als Überraschungsgast – meine Onkologin hat vergessen, mich anzumelden. Ich bin sehr erleichtert, dass „mein“111er Zimmer frei ist, noch dazu bin ich alleine dort. Das trifft sich gut, die Abschlussprüfung meiner Mentaltrainer-Ausbildung ist in 2 Wochen und ich muss lernen. Vor allem heute, ab morgen werde ich zu müde dafür sein.

Wieder folgt das bekannte Prozedere mit Port anstechen, Blut abnehmen und auf die Visite warten. Es stellt sich heraus, dass das Blutbild die Chemo nur knapp zulässt. Sollten die Werte nicht passen, muss ich wieder nach Hause und der Start der Chemo verschiebt sich. Das wäre äußerst schlecht. So wie es jetzt aussieht, werde ich knapp vor Weihnachten mit der letzten Chemo fertig sein. Sollte sich die Therapie verschieben, kann es passieren, dass ich über Weihnachten an der Infusion hängen muss. Aber: positiv denken, immer!

Also, geht’s heute los. Die Ärzte lassen sich zu einer Dosis-Reduktion überreden. Das heißt für mich, dass die Nebenwirkungen eventuell weniger sind und ich schneller wieder auf die Beine komme.

Montags ist mir wieder schlecht, brauch 2 verschiedene Anti-Brechmittel zum Schlafen gehen. Am Dienstag bin ich schon sehr müde, schlafe daheim viel und mache Bekanntschaft mit plötzlichem Urinverlust. Mal was Neues.

Meine Ärztin kommt vorbei und wir sprechen über einen möglichen Reha-Aufenthalt. Sie hat mich vor einiger Zeit schon darauf hingewiesen und mir eine Reha sehr dringend ans Herz gelegt. Anfangs war dies für mich völlig undenkbar! Ich lasse mich nach jedem Therapietag beurlauben, um daheim übernachten zu können, und dann soll ich freiwillig für 3 Wochen in eine Reha-Klinik??? Ich habe mich dennoch informiert und bin auf eine ambulante Reha gestoßen, die ich in einem Krankenhaus im Nachbarbezirk machen könnte. Für 6 Wochen könnte ich 2-3x pro Woche einen Tag dort verbringen und die Reha-Anwendungen in Anspruch nehmen. Das wäre für mich ein gangbarer Weg.

Nun, im Gespräch mit der Ärztin, komme ich von der ambulanten Version aber weg. Sie würde mir das nicht empfehlen, besser wäre ein stationärer Aufenthalt. Ich sehe mir die von ihr empfohlene Klinik im Internet an und finde heraus, dass meine Familie am Wochenende dort übernachten könnte. Ich spreche mit meinem Mann, wir spielen die Szenarien durch und entscheiden uns dafür!! Auf ins Abenteuer! Vorher muss ich ja eh erst noch mit der Therapie fertig werden.

Am letzten Tag der Therapie bekomme ich Entwässerungstabletten, nachdem ich bereits am Dienstag so geschwollene Augen habe, dass ich fast nicht mehr sehen kann. Die Tage nach den Infusionen sind wie immer,  ich bin viel am Schlafen und das Essen schmeckt nach nichts.

Am Freitag schleppe ich mich aufs Martinsfest vom Kindergarten. Die Abwechslung tut mir gut, ich bleibe auch noch ein bisschen beim Kuchenbuffet stehen. Es lief besser als erwartet und mein Sohn hat sich sehr gefreut, dass ich dabei sein konnte. Ansonsten versäume ich am Wochenende sehr viele Feiern, meine Familie ist fast nur unterwegs. Das schmerzt schon, auf so viel verzichten zu müssen ☹

Ich kämpfe dieses Mal mit einer enormen Verstopfung, kann fast eine ganze Woche nicht aufs Klo gehen. Mein Bauch sieht aus wie schwanger im 6. Monat, mir ist schlecht, hab keinen Appetit und ständig das Bedürfnis aufs Klo zu gehen, die Psyche leidet auch sehr darunter, weil ich nichts dagegen unternehmen kann.

  1. Woche:

Ich bin schwindelig und wenn ich aufstehe ist mir schwarz vor Augen – das kannte ich bisher nicht. Mit der Blutkontrolle am Mittwoch sind die Ärzte noch nicht zufrieden und ich muss am Donnerstag gleich wieder kommen. Aber da geht’s dann deutlich bergauf und die Ärzte sind besänftigt.

Am Freitag habe ich die Abschlussprüfung von meiner Mentaltrainer-Ausbildung. Anfang der Woche fällt mir das Lernen noch sehr schwer, in meinem Kopf ist Nebel und ich krieg nichts ins Hirn. Aber am Ende bin ich doch noch fertig geworden mit dem Lernen. Ich war die erste Kandidatin und habe nach der Präsentation meiner Diplomarbeit und Beantwortung der Prüfungsfragen von meinen Kollegen Standing Ovations bekommen. So eine tolle Rückmeldung! Ich habe einen schönen Tag mit den Kollegen verbracht, wir haben mit Sekt angestoßen, nur zum gemeinsamen Abschlussessen bin ich nicht mitgegangen, da mein Immunsystem ja noch nicht so gesellschaftsfähig ist. Dafür hat mein Mann eine kleine Überraschungsparty für mich vorbereitet und wir haben daheim noch bis 22:00 gefeiert.

  1. Woche:

Ich spreche bei der Psychotherapie darüber, dass es mir die Tage nach der Chemo psychisch nicht mehr gut geht. Dass ich mich so ohnmächtig fühle, den Symptomen so ausgeliefert. Ich liege auf der Couch, kann mich nicht bewegen, mein Körper brennt, fühlt sich vergiftet an, der eklige Geschmack im Mund, die bleierne Müdigkeit, und ich kann nichts dagegen unternehmen. Ich muss es aushalten. Aber ich kann es nicht mehr aushalten. Ich weine und wir sprechen auch über Anti-Depressiva, um noch gut über die letzten Wochen zu kommen. Ich sage aber, dass ich nur was Kurzzeitiges für die paar Tage brauche, Anti-Depressiva wirken erst nach 7-10 Tagen, aber mir gehe es davor und danach gut. Also lassen wir den Gedanken bleiben und ich hoffe, dass ich durch das Bewusstsein, warum es mir an den Tagen so geht, besser durchgehen kann.

Die Blutkontrolle am Dienstag war zufriedenstellend, alles wieder auf Kurs. Am Mittwoch gehen mein Mann und ich ins Kino und danach Essen. Tut gut, mal mit ihm alleine zu quatschen und Zeit für uns zu haben.

Am Wochenende kommen meine ehemaligen Studienkolleginnen zu mir und übernachten im Hotel. Wir verbringen ein tolles Wochenende, gehen ein bisschen wandern und zum Christkindlmarkt. Ich kann viel Kraft tanken für die nächste Woche – für die vorletzte Runde.

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