Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at

Annette fragt… Barbara

Barbara lernte ich beim Speedating auf der Influcancer 2022, einem Online-Krebskongress, kennen. Mit einem bezaubernden Lächeln, einer wahnsinnigen Energie und Lebensfreude strahlte sie mir auf dem Bildschirm entgegen. Angesichts einer zweimal durchlebten Krebserkrankung war das mehr als bewundernswert. Mir war klar: Diese Frau musste ich für #annettefragt haben!

Freut euch auf ein ruhiges, ehrliches Interview mit Barbara, in dem trotz schwerer Kost auch sehr viel Hoffnung und Zuversicht steckt.

Annette: Liebe Barbara, deine Erstdiagnose war 2006. Nimm uns doch bitte mal mit zurück. Wie alt warst du damals, was war in deinem Leben los, wie hast du deine Erkrankung festgestellt?

Barbara: Oh je….Es ist so lange her und doch immer noch so präsent. Ich war 34 Jahre alt und lebte zu dem Zeitpunkt allein. Es war Spätsommer. Ich saß auf dem Balkon und lernte für meinen Leasingfachwirt, als meine rechte Brust juckte und ich versuchte, sie zu kratzen. Dabei ertastete ich einen erbsengroßen Knoten ziemlich genau unter der Brustwarze.

Ich fand es komisch….,machte mir aber keine großen Sorgen. Dennoch holte ich mir sofort einen Termin bei meinem Frauenarzt. Er schickte mich zum Radiologen. Der schickte mich nach Hause und schlug vor, dass ich in sechs Monaten nochmal vorstellig werde. Er ging von einem Fibroadenom aus. Mein Frauenarzt wollte aber nicht warten, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Er wollte diesen Knoten raushaben, obwohl auch er von einem gutartigen Knoten ausging.

Ich bat ihn, mich meine Prüfung hinter mich bringen zu lassen und dann wäre ich bereit für den kleinen Eingriff. Am 12.9. war es dann soweit. Ich verabschiedete mich donnerstags von meinem Chef und erinnerte ihn nochmal daran, dass ich erst am Montag zurückkäme, wegen des Eingriffs.

Die OP verlief prima und ich wartete am Samstagvormittag auf meine Nachbarin, die mich abholen sollte, als die Krankenschwester ins Zimmer kam und mich zu meinem Frauenarzt beorderte.

Ich hatte mir immer noch nichts gedacht. „Da ist nichts! Warum auch? Bei mir doch nicht!?”

Und dann das! Er teilte mir mit, dass der Befund keine guten Nachrichten brächte. Ich spüre heute noch wie bedrückt er war und bei dem Gedanken kommen mir sofort die Tränen. Der Rest ging ab wie in einem Film. Er erzählte mir, was Sache ist, und ich hörte seine Stimme nur ganz dumpf. Es rauschte in meinen Ohren, mein Herz schlug mir bis zum Hals und ich dachte, ich fiele in ein tiefes Loch. Es riss mir den Boden unter den Füßen auf.

Das krasseste aber war, dass ich mich etwa vier Wochen vorher beim Gedanken daran ertappt hatte, mir eine längere Auszeit zu wünschen. Ich war zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben sehr gestresst. Von allem. Alles überforderte mich.

Und was soll ich sagen? Dann kam die Diagnose…. Ich weiß, dass der Krebs eine systemische Krankheit ist und ich nicht drinstecke. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass, wenn die Seele leidet und das über Jahre, der Körper irgendwann reagiert. Mit was auch immer.

Und nein, es gab und gibt keine weiteren Brustkrebsfälle in meiner Familie. Mein Vater hatte Schilddrüsenkrebs und ist letztlich an den Folgeerkrankungen und Metastasen zehn Jahre später verstorben.

Annette: Du lebtest dann 14 Jahre lang gesund, bis dann 2020 erneut Brustkrebs festgestellt wurde Was war da los? Bist du – Stand heute – krebsfrei?

Barbara: Ja, was war da los?! Das dachte ich mir auch. Auch dieses Mal ertastete ich einen Knoten. Allerdings war ich total entspannt, da ich davon ausging, dass es sich um ein Fettknötchen handelt.

Diese können entstehen, wenn man die Brust per Eigenfett aufbauen lässt. Was ich, zehn Jahre nach der Erstdiagnose, 2016 tat. Ende 2019 spürte ich mal wieder einen dieser Knötchen und im Nachhinein auch ein Ziehen axillär auf der bereits betroffenen Seite.

Ich ging also wieder zu meinem Frauenarzt und er führte eine Biopsie durch. Fehlalarm. Allerdings fiel ihm ein Schatten bei der Sonografie auf und wollte diesen beobachten. Ich sollte in drei Monaten nochmal zur Kontrolle kommen.

Am 31.3.2020 bin ich hin und der Schatten war noch immer da. Er biopsierte und am 1.4.2020 kam dann abends der Anruf. „Es tut mir so leid, ich muss Ihnen leider sagen, dass es ein DCIS ist.“ Eine Vorstufe.

Nachdem wir die weiteren Schritte besprochen hatten, legte ich auf. Wieder durchströmte mich eine Flut von Gefühlen. Mir wurde heiß, ich hörte meinen Herzschlag und dachte nur SCHEISSE…nicht schon wieder!”

Und gleichzeitig war ich so gefasst. Ich hielt mich an diesem Strohhalm einer DCIS, einer Vorstufe, fest.

Heute, 2,5 Jahre danach, bin ich nun krebsfrei. So hoffe ich zumindest. Die Nachsorge sagt bisher nichts Gegenteiliges.

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Barbara während der Chemo im Januar 2007

Annette: Anders als beim ersten Mal reichten Chemo und Bestrahlung nicht aus. Die Ärzt*innen schlugen dir die Abnahme der rechten und Bestrahlung der linken Brust vor. Du hast dich aber für eine beidseitige Mastektomie ohne Wiederaufbau entschieden. Wow! Wie kam es zu diesem krassen Entschluss?

Barbara: Das war eine Odyssee, die von April, dem Zeitpunkt der Diagnose, bis August, der finalen OP, andauerte. Nach diversen Untersuchungen wie Mammographie, Ultraschall, Vakuumstanzbiopsie der linken Brust und schlussendlich einem MRT wurde mir empfohlen, das Drüsengewebe der rechten Brust komplett zu entfernen, da hier das Rezidiv vorlag. In dieser OP sollte aufgrund des MRT Drüsengewebe aus der linken Brust entnommen werden, um es genauer zu untersuchen, da auch dort magnile Anzeichen waren.

Ich habe nicht lange überlegt und darauf bestanden, dass sofort auf beiden Seiten das komplette Drüsengewebe entfernt wird. Ich hatte keine Lust auf mehrere OPs und das ständige Bangen in den nächsten Jahren.

Mein Gefühl gab mir am Ende auch Recht.

Zunächst aber bekam ich Expander, denn wir gingen alle erstmal von Vorstufen aus. Ich wachte also am 5.6.2020 mit Expandern in der Brust auf und war glücklich, dass alles so glimpflich abgelaufen war.

Nun hieß es auf den Befund zu warten. Es dauerte etwa 1,5 Wochen. Es war Ostern.

Als der Anruf der Klinik kam, war mir sofort klar was los war: Das DCIS auf der rechten Seite war keine Vorstufe, sondern entpuppte sich als Rezidiv. Viele kleine Karzinome hatten sich dicht an der Brusthaut entwickelt. Das Drüsengewebe der linken Brust wies mehrere Vorstufen auf. „Wusste ich’s doch!”, dachte ich nur.

Nun hieß es „reset” und neu überlegen, welche Therapie angebracht sei. Da ich ein Rezidiv an derselben Stelle hatte, war eine erneute Chemo obsolet. Gott sei Dank!

Die linke Seite sollte bestrahlt werden, um sie mit Implantat zu erhalten Die Empfehlung lautete für die rechte Brust komplette Ablatio inkl. Brustwarze und Vorhof.. Das war ein Schock! Obwohl ich meine Brüste nie gern mochte und sie mir immer zu klein waren, war ich dennoch brustbezogen und es war für mich unvorstellbar, keine Brüste mehr zu haben. Ich haderte so sehr mit mir.

Aus dieser Situation heraus nahm ich mir psychologische Unterstützung, die ich bis heute habe. Meine Therapeutin, die selbst viele Jahre in der Gynäkologie als Frauenärztin tätig war und demzufolge viele Patientinnen hatte, die an Brustkrebs erkrankt sind, hat mir in der Akutphase sehr geholfen, meine Entscheidung abzuwägen.

Ich nahm mir eine Auszeit, um alles sacken zu lassen und mir Zeit zu geben, eine für mich klare Entscheidung zu treffen, die sich gut anfühlte.

Mein Kopf wusste, dass es vernünftig wäre, dem Rat der Ärzte zu folgen und die Ablatio rechts durchführen zu lassen. Es fiel mir unglaublich schwer, mir vorzustellen, keine Brustwarze mehr zu haben. War sie doch u.a. meine Verbindung in die untere Etage.  Aber irgendwann habe ich verstanden, dass es um mein Leben ging. Als mir das klar war, war die Entscheidung getroffen.

Jetzt ging es noch um die linke Brust. Eine Bestrahlung kam für mich nicht in Frage. Ich spürte mit dem Expander, was die Bestrahlung selbst nach 14 Jahren noch mit dem Körper macht. Die Haut ist so dünn und empfindlich. Ich wollte mir das nicht nochmal antun. So fragte ich nach der Alternativen. Und die waren recht einfach: „Symmetrie herstellen und an die rechte Seite angleichen.”

Keinen Aufbau durchzuführen, war schließlich schnell entschieden. Da auf der rechten Seite sehr viel Gewebe entfernt werden musste, ist die Haut dort sehr, sehr dünn. Man sieht meine Rippen, da ich nun auch noch sehr schlank bin. Ich hätte also maximal ein A-Körbchen wählen können. Und man hätte mit Netzen arbeiten müssen. Das Risiko, dass die Naht wegen der Spannung eventuell aufgehen würde, wäre ebenfalls gegeben.

Ganz ehrlich:  Was soll ich mit zwei kleinen Hügelchen ohne Warzen und somit auch ohne Gefühl, die sich möglicherweise auch noch deformieren könnten? Ich sage nur Verkapselung wegen Bestrahlung…

Nee, dann lieber flach und die Möglichkeit, meine Bewegungsfreiheit wieder zu erlangen! Ich bin ein sportlicher Typ und praktiziere für mein Leben gern Yoga. Das wollte ich nicht missen.

Ich bereute meine Entscheidung zu keinem Zeitpunkt. Was nicht heißt, dass es trotzdem hin und wieder diese tiefe Traurigkeit gibt, weil ich meine Brüste hab gehen lassen müssen. Sie wachsen nun mal nicht nach wie Haare.

Gleichzeitig fühle ich mich aber auch befreit von der Last. Die Brüste stellen für mich jedenfalls keine Gefahr mehr dar.

Annette: Ich hoffe, meine nächste Frage ist nicht zu provokativ… Aber… Du lässt dich immer wieder als Modell für Amoena, einem Hersteller für Unterwäsche und Bademode für Frauen mit Brustprothesen fotografieren. Das finde ich sehr mutig! Warst du von Anfang an so offen im Umgang mit deinem veränderten Körper?

Barbara: Nein, deine Frage ist absolut nicht zu provokativ, keine Sorge! Dass ich als Model für Amoena vor der Kamera stehe, ist für mich ein großes Geschenk und eine Herzensangelegenheit.

Ich war irgendwie von Anfang an so offen, ja. Erstaunlicherweise war ich MIT Brüsten nicht so offen wie OHNE nach der Mastektomie. Und trotzdem musste ich mich mit dem neuen Anblick erstmal anfreunden.

Am 6.8.2020 war es dann soweit. Ich war damals auf der Suche nach Prothesen und der dazugehörigen Wäsche. Dabei bin ich auf die Firma Amonea gestoßen. Ich suchte nach einem ganz speziellen BH. Einem trägerlosen. Ich war nicht sehr optimistisch…und dann sah ich ihn. Ein halterloser BH, der auch noch meinen Namen trägt, Barbara! Das konnte ich nicht einfach so stehen lassen.

Ich interessierte mich für die Firma und deren Produkte und entdeckte dabei, dass sie immer wieder mal nach Models für Fittings suchten. Nun liegt Raubling, der Ort des Firmensitzes, nicht unbedingt um die Ecke. Also rief ich dort an und fragte nach, ob es überhaupt Sinn machte, mich zu bewerben. Ich wollte etwas tun. Für mich, für andere. Also bewarb ich mich und wurde genommen.

Da muss ich erst 50 werden und meine Brüste abgeben, um Model zu sein. Ich habe mich sehr gefreut und es macht mir unfassbar viel Spaß. Klar, natürlich hilft es mir auch, meinen Körper so anzunehmen, wie er heute ist. Aber was mich auch sehr glücklich macht ist, dass ich die Möglichkeit habe all den Frauen da draußen zu zeigen, dass wir trotz oder vielleicht sogar gerade wegen der fehlenden Brüste sexy aussehen können und kein bisschen weniger Frau sind.

Ich fühle mich tatsächlich seit der Mastektomie weiblicher als je zuvor. Natürlich gibt es da die Momente, wo ich meine Brüste vermisse. Aber ich sehe mich heute im Ganzen und jeden Tag gelingt es mir ein bisschen mehr mich zu lieben, so wie ich bin. 

Annette: Ich selbst war schon vor meiner Diagnose Mama von drei Kindern. Du musstest wegen der Medikamenteneinnahme auf eine Schwangerschaft verzichten. Hast du danach je über ein eigenes Kind nachgedacht oder haben dein Mann und du sich bewusst gegen ein eigenes Kind entschieden?

Barbara: Ich wollte immer Kinder haben. Und als ich soweit war, kam mir der Brustkrebs dazwischen.

Nachdem ich drei Jahre Tamoxifen und Trenantone intus hatte, unterbrach ich die Anti-Hormontherapie nach Absprache mit meinem Onkologen. Die Anti-Hormontherapie hätte ich nach der Geburt umgehend fortgesetzt.

Mein Partner und ich hatten damals beschlossen, es einfach darauf ankommen zu lassen. Was wir nicht gemacht haben, ist, uns Druck zu machen. Auch als es nicht klappen wollte, kam ein “Nachhelfen“ für uns überhaupt nicht in Frage. Warum mich bewusst in Lebensgefahr bringen?

Wir überließen dem Universum die Entscheidung. Wenn es sein sollte, dann würde es klappen. Wenn nicht, dann hatte es einen Grund. Und diesem Grund wollte ich nichts entgegensetzen.

Es war keine einfache Zeit. Und wie es so ist, wenn man auf etwas fokussiert ist…. Ich sah nur noch dicke Bäuche, Babys und Kinderwagen. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis kamen überall die Babys zur Welt….

Ich war so unendlich traurig, aber auch wütend, dass dieser Scheiß-Krebs mir die Entscheidung abgenommen hatte. Wir waren ja schon Ende 30, als es immer noch nicht klappte. Hinzu kam, dass wir noch gar nicht lange zusammen waren und ich noch immer in der Nachsorge war.

Viele fragen mich, warum wir kein Kind adoptiert haben. Ganz einfach… Jeder, die/der sich damit schon mal auseinandergesetzt hat weiß, wie kompliziert und langwierig dieser Prozess ist. Niemals hätten wir eine Chance auf ein Baby gehabt. Deutsche Bürokratie eben.

Irgendwann im Laufe meines Lebens habe ich meinen Frieden damit gefunden. Ja, es gibt auch ein sinnerfülltes Leben ohne eigene Kinder.

Und meine Liebe zu Kindern ist dadurch nicht weniger geworden. Ich suchte immer wieder nach Möglichkeiten, all meine Liebe weiterzugeben und woanders zu verschenken.

Wer mich kennt, weiß, dass ich davon überzeugt bin, dass ALLES im Leben einen Sinn hat. Dieser aber nicht immer sofort sichtbar ist.

Für mich hatte das Schicksal keine eigenen Kinder vorgesehen. Aber über ein Ehrenamt habe ich eine junge Familie mit 3 Kindern kennengelernt. Einmal die Woche kümmere ich mich um die mittlerweile einjährige Chiara, um ihrer Mama Zeit zu schenken. Diese Familie ist mir sehr ans Herz gewachsen.

Es ist ein so großes Geschenk und ich bin unendlich glücklich und dankbar für dieses kleine Menschenkind.

Annette: Obwohl in deinem Leben schon einiges sehr schwer war, strahlst du auf vielen Fotos eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit aus. Woher nimmst du diese Gelassenheit? Was sind deine Kraftspender und Rettungsanker?

Barbara: Haha…da muss ich jetzt grinsen. Da fällt mir spontan ein weiser Spruch ein. Ich steh ja auf Weisheiten. Die asiatischen sind mir die liebsten. Also der Satz, an den ich jetzt denke, heißt:

„Nichts ist so wie es scheint.”

Ich höre das nämlich sehr oft mit der Ausstrahlung. Und größtenteils fühle ich mich im Innern so, wie ich es nach außen hin auszustrahlen scheine. Es gibt aber auch die Tage, an denen ich schwanke. Ganz normal und völlig ok.

Nach außen hin werde ich das sicher nicht immer zeigen. Ich bin erzogen worden, zu funktionieren. Mich anzupassen. Nicht aufzufallen. Aber wer mich kennt und Antennen dafür hat, spürt es, wenn meine innere Balance wackelt.

Ich habe mit den Jahren gelernt, auch mal alle Fünfe gerade sein zu lassen. Das ging nicht von Anfang an.

Ich habe sieben Jahre nach der Erstdiagnose zum Yoga gefunden. Ich wollte eigentlich wieder regelmäßig Pilates praktizieren. Als ich dann beim Schnupperkurs war, schnupperte ich auch ins Yoga hinein.

Und ich hatte das Glück, dass Alex mich mit ihrer Art zu unterrichten, berührte. Heute sind wir Freundinnen und ich selbst auch Yogalehrerin. Allerdings praktiziere ich nur noch für mich.

Nachdem ich spürte, wie gut der Yoga mir tut, wollte ich wissen, warum. So entschied ich mich zu einer Ausbildung. Die ersten 200 meiner 500 Stunden Ausbildung waren die intensivsten und wertvollsten der gesamten Ausbildung. Ich kam immer mehr mit mir in Verbindung. Das war mitunter gar nicht so einfach und auch sehr schmerzhaft. Du wirst mit Themen konfrontiert, die tief in deiner Seele schlummern. Bist du bereit dorthin zu schauen, dann hast du die Chance zu wachsen.

Ich habe durch den Yoga vieles in mir entdeckt, was auch zu großen Lebensentscheidungen geführt hat.

Mal abgesehen davon, dass der Yoga mich mit meinem Geburtsland verbindet (hier lag ein großer Schmerz und dieser Schmerz besteht bis heute), lernte ich durch den Yoga, meinem Herzen zuzuhören. Und schließlich ihm auch zu folgen. Dazu gehört manchmal Mut. Mut, die Komfortzone zu verlassen und darauf zu vertrauen, dass es gut wird. Vielleicht sogar besser als erwartet. Das ist eine Lebensaufgabe!

Es hat zehn Jahre gedauert bis ich nach der ersten Erkrankung, den Mut hatte, meine berufliche Karriere komplett auf den Kopf zu stellen und mit 45 Jahren Flugbegleiterin wurde. Die beste Entscheidung meines Berufslebens. Dieser Schritt hat so viel in mir bewegt.

Während meiner zweiten Erkrankung gab mir der Yoga Halt und Zuversicht. Und er half und hilft mir nach wie vor während meiner Rekonvaleszenz.

Das Schöne am Yoga ist ja, dass man ihn zu jeder Zeit und in jeder körperlichen Verfassung praktizieren kann.

Mein Lieblings-Mantra heißt: „So Ham”, was so viel heißt wie „Ich bin – verbunden mit mir selbst und dem Leben.“ So passend findest Du nicht?

Aber der Yoga ist tatsächlich nicht das Einzige, was mir guttut.

Seit der zweiten Diagnose sorge ich noch mehr für mich. Ich halte mich fern von Beziehungen, die mir nicht guttun. Nehme mir viel Zeit für mich und achte darauf, mich nicht zu überfordern. Weiterhin lerne ich, auch die weniger schönen Dinge anzusprechen. Nicht immer einfach, aber wichtig.

Ich tue nur noch das, was mir guttut. Es gibt tatsächlich wenige Momente, in denen ich etwas tun muss, was mir eigentlich gegen den Strich geht.

Und ich glaube was auch ganz entscheidend dafür ist, warum ich diese Ruhe und Zufriedenheit ausstrahle, ist, dass ich aus jeder noch so beschissenen Situation am Ende etwas Positives für mich rausziehe.

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Barbara ist voller Lebensfreude

Annette: Ich habe auf deinem Account einige Post über dich in Indien entdeckt. Magst du etwas darüber erzählen, wie es dazu kam, dass du Indien deine Heimat nennst, obwohl du in Deutschland lebst?

Barbara: ein Vater hat zwanzig Jahre im Ausland gearbeitet. Unter anderem in Indien. Ich bin in Delhi geboren und habe meine ersten acht Lebensjahre dort gelebt. Von meinem ersten Tag an hatte ich meine Amma, meine Kinderfrau, die sich um mich gekümmert hat. Sie war für mich wie eine Mutter. Ich wuchs wohlbehütet und mit viel Liebe von dieser Frau auf.

Mit sieben Jahren dann zogen wir nach Japan. Mich hat niemand gefragt, ob ich das gut finde. Ich wurde aus meinem Umfeld einfach herausgerissen und in ein neues Setting gesteckt. Damals in den 70ern gab es noch kein FaceTime & Co.. Ich musste alles zurücklassen, was mir lieb war.

Diesen Schmerz trage ich bis heute in mir. Ich habe viel aufarbeiten können, aber eine gewisse Trauer ist immer noch da.

Die Zeit in Tokio war dann auch nicht einfach. Dort lebten wir fünf Jahre.

Mit zwölf Jahren kam ich nach Deutschland. Anderthalb Jahre lebten wir in Köln, bis wir dann nach Hamburg zogen. Seit 23 Jahren lebe ich nun im Taunus.

Indien berührt mein Herz. Japan meine Sinne und Hamburg ist der Ort, wo ich mich in Deutschland heimatlich verorte.

Wenn ich gefragt werde, wo ich herkomme, dann fällt es mir bis heute schwer, diese vermeintlich einfache Frage zu beantworten. „Ja, wo komme ich denn her? Wo gehöre ich hin?” Diese Fragen begleiten mich schon mein ganzes Leben. Allein das wäre ein Stoff für ein gutes Buch…

Durch meinen Job als Flugbegleiterin habe ich nun die Möglichkeit, meinen Heimatorten öfter einen Besuch abzustatten. Das hilft auch enorm bei der Verarbeitung meiner Trauer.

Annette: Mein Instagram-Account heißt einfach nur „hollannette“, also ganz langweilig mein Name. Deiner hingegen nennt sich „Ich und der Brustkrebs“. Du gehst also sehr offen mit deiner Erkrankung um. War das von Anfang an so? Welche Intention steckt hinter deinem Account und den Texten, die du dort schreibst?

Barbara: Ja, stimmt. Ich weiß gar nicht mehr, welchen Namen ich ursprünglich wollte. Ich erinnere mich nur daran, dass egal welchen Namen ich wählte es immer hieß „Schon vergeben.”, bis ich dann diesen umständlichen, aber sehr eindeutigen Namen mit Unterstrich wählte. Nun ist er das.

Er macht auch was. Ich stelle das immer wieder fest, wenn es darum geht, sich mit neuen Leuten auf Insta zu verbinden. Wenn es nicht schon vorher zur Sprache kam, dann spätestens in dem Moment, wenn ich meinen Account-Namen nenne.

Ich wollte ihn mal ändern, aber ehrlich gesagt fällt mir nichts Kreatives ein. Also lasse ich es so. Ist nun mal auch so. Ich und der Brustkrebs…

Mit dem Brustkrebs bin ich von Anfang an offen umgegangen. Ich finde das wichtig. In vielerlei Hinsicht. Über verschiedenste Wehwehchen wird geplaudert. Aber bei dem Thema Krebs da wird geschwiegen und bedrückt zu Boden geschaut. Ich will dazu beitragen, dass sich das ändert.

Ich habe diesen Account tatsächlich ins Leben gerufen, weil ich das Bedürfnis hatte, meine Geschichte zu teilen und zu schauen, ob es ankommt, was ich zu sagen habe. Ob ich anderen Zuversicht geben kann. Das waren so meine Intentionen.

Auch heute poste ich immer dann, wenn ich Lust habe und es sich gut anfühlt, meine Gedanken oder Momente im Leben zu teilen. Es geht mir nicht um Followerzahlen und auch nicht darum, über den Brustkrebs aufzuklären. Davon gibt es reichlich in der Community, die das sehr gut und professionell machen.

Ich bin nur die Barbara, eine von den Acht, die an Brustkrebs erkrankt ist und ein bisschen Hoffnung und Zuversicht in die Welt senden will. Und die mit Ihrer Geschichte zeigen will, dass ein Schicksalsschlag auch dazu führen kann, dass sich auf einmal Möglichkeiten auftun, über die man vorher nie nachgedacht hat.

Und manchmal will ich einfach nur zeigen, wie sehr ich das Leben genieße, trotz des Krebses.

Ich möchte auch nicht ungefragt als Ratgeber fungieren. Wer bin ich, dass ich beurteilen kann, was für jemanden gut ist? Ich teile meine Erfahrungen und Gedanken. Wenn sich jemand darin wiederfindet, ich eine Inspiration bin oder auch einfach nur zum Nachdenken anrege, dann habe ich mein Ziel erreicht.

Annette: Ich habe einen Blogtext darüber geschrieben, dass ich nach meiner Erkrankung mehr oder weniger in mein altes Leben zurückgekehrt bin. Du hingegen hast eine krasse Wendung in deinem Leben eingeläutet und bist Flugbegleiterin geworden. Hammer! War das schon immer ein Wunschtraum von dir? Wie geht es dir mit dieser Entscheidung?

Barbara: Ich habe nach der ersten Erkrankung angefangen, mich und mein Leben zu hinterfragen. Dabei stand der Beruf im Fokus. Nach außen hin war ich erfolgreich, so wie es gern gesehen wird. Führungsposition, Dienstwagen, gutes Gehalt. Im Innern habe ich jeden Tag gekotzt. Ich fühlte mich wie der Typ in dem Film “Und täglich grüßt das Murmeltier“.

Ich fing an, mich intensiv mit mir selbst zu beschäftigen. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch und probiere mich gerne aus. Ich fing an, Familienaufstellungen zu machen, war bei Coaches und habe Bücher durchgearbeitet, die jungen Menschen dabei helfen, den beruflichen Einstieg zu finden.

Flugbegleiterin zu sein, schwirrte schon immer wieder in meinem Kopf herum. Bin ich doch im Flieger mehr oder weniger groß geworden. Aber es war schon ein gewaltiger finanzieller Einschnitt.

Es dauerte zehn Jahre von der Erstdiagnose bis zu dem Schritt, den gut bezahlten Job hinzuschmeißen und das zu tun, wonach mein Herz rief. Ich hörte drauf. Und wurde belohnt. Ich bin angekommen. Ich liebe diese unregelmäßigen Arbeitszeiten. Ich genieße meine freie Zeit. Ich gehe einkaufen, wenn alle anderen im Büro sitzen. Ich kann spontan sein und muss nicht alles auf das Wochenende verlagern. Um nur einige Beispiele zu nennen. Ich finde es so furchtbar, wenn ich Sätze lese wie „Juhu endlich Wochenende“ oder „Oh no…morgen schon wieder Montag.“ So war ich auch…. Heute freue ich mich, wenn ich endlich wieder arbeiten darf. Und es ist mir egal, ob es am Wochenende oder an Feiertagen ist. Ich liebe, was ich tue!

Neben der Fliegerei jobbe ich – wie schon erzählt – als Model. Das möchte ich künftig ausbauen. Es macht mir unglaublich viel Spaß und ich liebe das Spontane und die Flexibilität dabei.

Ich kann nicht gut mit festen Strukturen. Die engen mich ein und nehmen mir die Luft zum Atmen. Ich werde durch den Krebs schon genug fremdgesteuert, das reicht mir.

Annette: Wenn du die Uhr zurückdrehen könntest, welche Tipps würdest du der jüngeren Barbara bei ihrer ersten Krebsdiagnose geben?

Barbara: Hach, solche Fragen finde ich immer wieder schwierig… Ich kann die Uhr nicht zurückdrehen. Ich habe damals nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Was bringt es mir, darüber nachzudenken, was ich hätte anders machen sollen oder können?

Das würde ja implizieren, dass ich mir Vorwürfe mache, etwas falsch gemacht zu haben. Aber es geht nicht um Richtig oder Falsch. Ich sorge für mich und gehe achtsam mit mir um. Ich versuche jeden Tag, das Leben zu genießen. Mal gelingt es mir super und mal weniger gut. Es ist, wie es ist. Ich schaue lieber nach vorne bzw. bin im Hier und Jetzt.

Und Stand heute bin ich krebsfrei!

Annette: Liebe Barbara, ich danke dir so sehr für deine ehrlichen Antworten, deine Einblicke in dein spannendes Leben, deine Offenheit in Bezug auf den Kinderwunsch, den man dir genommen hat. Alles, alles Gute für dich!

 

Mehr über Barbara erfahrt ihr hier: 

Barbara auf Instagram

Barbaras Blog hier bei den Kurvenkratzern

Barbara im Podcast „Rollstuhl, Orthese und Co.“  ,

Barbara im Interview bei Stadtlandmama,

Barbara im Interview bei amoena4life , Ausgabe 2022

Hier geht’s zu den anderen schon veröffentlichten Interviews aus der Reihe “Annette fragt…”

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