Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at

Nah dran

„Darf ich mich hier aufwärmen?“, fragt das kleine Mädchen und setzt sich auf meine Decke am Donaustrand. Komisch, denke ich mir, unüblich, sich einfach zu einem Fremden zu setzen, aber sie ist halt noch nicht so, wie wir erwachsenen Menschen. „Ich heiße Elvira, ich bin vier“, sagt sie und hält mir die ausgestreckten Finger entgegen, „bald werde ich fünf“.

Wir plaudern ein bisschen, ich verhalte mich freundlich, aber zurückhaltend. Ihr Vater und ihr Bruder montieren eine Hängematte zwischen den Bäumen.

„Was liest du?“, fragt sie. Jochen Peichl, Innere Kritiker, Verfolger und Zerstörer, heißt das Buch, das will ich ihr aber nicht sagen. „Eine sehr komplizierte Geschichte“, antworte ich. Die Donauwellen spritzen auf meine Füße am Ende der Decke. „Darf ich sehen?“, fragt sie. Ich reiche Elvira das Buch, sie liest mir eine fantasierte Geschichte daraus vor, blättert zu den wie von Kinderhand gezeichneten Illustrationen innerer Dämonen, kommentiert „der hat aber einen dicken Bauch“ und erzählt weiter.

„Wenn der Mann das Buch wieder haben will“, sagt ihr Vater, „dann musst du es ihm geben.“ Sie legt es auf die Decke zwischen uns. „Da drinnen“, sagt sie und legt ihre kleine Hand auf die Brust, „schlägt mein Herz. Und wenn es aufhört, ist man tot.“

Ich überlege, ob ich träume, ob sie das jetzt wirklich gesagt hat. „Das Herz schlägt normalerweise sehr lang, ununterbrochen“, sage ich. „Nur bei manchen Menschen, da hört es ein bisschen früher auf.“ Ich schaue in den Himmel. „Die sind dann da oben“, sagt sie. „Ja, manche sind dann im Himmel“, sage ich. Wir plaudern weiter, aber meine Aufmerksamkeit ist beim Gespräch über den Tod. Sie legt sich ganz knapp an mich, kennt keine Berührungsängste, das ist mir unangenehm.

Elvira geht zu ihrem Vater, spielt mit dem Bruder, kommt später wieder, beugt ihren Kopf über meinen. „Ich kann mich sehen.“ „Die Spiegelung in meiner Sonnenbrille.“ „Das ist lustig“, sagt sie. „Wir gehen jetzt“, ruft ihr Vater. „Tschüss!“, sagt sie und winkt.

Unentwegt rollen die Wellen des Stroms den Kies hoch. Es ist ein ewiges Kommen und Gehen. Kennenlernen und Abschiednehmen. Aufwärmen, abkühlen, aufwärmen.

Wahre Begebenheit. Titelfoto: Die schöne “blaue” Donau, von der Donauinsel in Wien aus gesehen.

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