Egoismus > < Selbstfürsorge
Egoismus > < Selbstfürsorge
12.04.2026
In einem Newsletter eines Krebsbetroffenen schrieb der Autor, dass er gefragt wurde, ob die Krebsdiagnose dazu führe, egoistischer zu sein.
Ich habe mich diese Frage auch schon oft gestellt. Bin ich egoistischer geworden?
Doch nun habe ich ein anderes Wort für mich gefunden, was die Situation besser trifft, ‘Selbstfürsorge’.
Beim reflektieren habe ich bemerkt, dass mich diese Aussage mit dem Egoismus zunehmend fast ein wenig ärgert. Klar tönt das toll, wenn ich an einem sonnigen Tag mit meiner Freundin in einem Café sitze, od. bereits die nächsten Ferien plane kann. Ich muss mir keine Gedanken zur Arbeit machen und mich mit Kollegen rumärgern. Wünschte man sich das nicht ab und an…?
Nur fehlt bei dieser Überlegung der Preis, den ich dafür ‘zahle’. Ich denke an die Zeit, die ich mit Therapien, Terminen im Spital, den Auswirkungen der Fatigue, die verpassten Konzerte/Unternehmungen u.ä. wegen meinen sonstigen Langzeitfolgen verpasse.
Nicht zu erwähnen die Ängste, die einem in stillen Momenten überkommen. Was wird noch auf mich zukommen?
Und auch wenn es nicht für alle verständlich ist, ich vermisse meine intensive, manchmal belastende Arbeit, die Zusammenarbeit im Team und die Bestätigung, etwas ‘geleistet’ zu haben.
Doch ich habe für mich entschieden, die Zeit, die mir bleibt, möglichst befriegend zu nutzen, hoffentlich möglichst lange noch. Und ich bin dankbar für die guten Momente.
Ich vergleiche meine Situation manchmal symbolisch mit einem nicht mehr ganz neuem Smartphone mit begrenztem Speicherplatz und einer fehlenden Cloud. Weil ich mehr Apps habe als auf diesem Handy Platz hat, muss ich mich entscheiden, welche Apps ich löschen muss und welche ich behalten möchte.
Einen gewissen Platz ist vorgegeben, den kann ich nicht bereinigen und dieser Platz ist schon recht gross.
Also, wie gehe ich vor?
Logischerweise lasse ich die liebsten Apps auf dem Smartphone. Die, die mir Spass und Freude bereiten. Die, die Unterhaltung bringen, auch Informationen und was mich sonst so bewegt. Die weniger geliebten müssen halt weg, ich habe keine Wahl.
Der vorgegebene Platz ist besetzt durch die Diagnose, die nicht weg geht, die Therapien, die Medikamente, die Ängste, die sich zwar verkleinern lassen, aber halt auch dazu gehören.
Dann bleibt der freie Platz für die tollen Apps, also die Kontakte mit den lieben Menschen, die Städtetrips und Ferien, die ich noch geniessen kann, die Treffen in Café mitten am Tag und was sonst für einem wichtig ist. Isoliert betrachtet könnte man meinen, dass das ja toll ist, aber ich weiss immer, dass da noch mehr ist.
Ist man nun also egoistisch, wenn man die Apps löscht, die man ev. behalten hätte, wenn man genug Platz hat? Also die Treffen, mit Menschen, die man zwar mag, aber nicht mehr zu meinem Leben gehören, die Verpflichtungen, die einem keine Kraft geben od. die Fatigue verstärken.
Ich bin überzeugt, viele in dieser Situation finden auch Dinge, die einfach nicht (mehr) in das Leben passen wegen dem Krebs. Und ist man nun egoistisch, wenn man den begrenzten Platz für sich nutzt?
Und darum folglich, NEIN, man ist nicht egoistisch, wenn man neben den ganzen Belastungen an seine Selbstfürsorge denkt, schaut, dass man irgendwie dem ganzen Sch… ein wenig etwas abgewinnen kann.
Ja, die guten Seiten von Krebs gibt es bei mir, zum Glück! Der Rest braucht schon genug Platz. Falls ich mal die die Lage kommen, dass mich jemand beneiden sollte, frage ich einfach, möchtest du tauschen? Aber mit allen Konsequenzen!
Wie ‚meine‘ Psychologin dazu meinte, wenn man ein grosses Sparkonto hat, lässt es sich gut leben, schwierig wird es, wenn man sparen muss. Dann spürt man, für was man sein Geld ausgeben möchte.
Accept what is; let go of what was; and have faith in what will be.
