Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at

Wohin mit meiner Wut?

15.05.2026 

Die modernen Geräte sind schon unerbittlich, wenn man gewisse Funktionen nicht abstellt. So geht es mir auch mit meinem Mobiletelefon u. meinem iPad. Wenn ich es öffne, kommen schon die Bilder von meinen vergangenen Aktivitäten.
Doch so sehe ich nun das Bild eines demolierten Autos. Ein Unfall?

Nein, andere Fährte. Ich habe es letztes Jahr tatsächlich gewagt und ich habe meine Wut rausgelassen, zwar in einem ‘geschützten’ Rahmen, aber mit voller Tatkraft. Wow, ich bin heute noch überwältigt.

Schon während der Therapie fühlte ich immer wieder auch viel Wut. Wut auf das Leben, Wut auf meine Diagnose, Wut auf alles was zurzeit gegen mich war.
Auf der Suche nach Möglichkeiten etwas gegen diese Wut zu tun, landetet ich per Zufall auf ein Inserat für einen Schrottplatz. Als ich nachschaute, wo dieser war, liess ich es gleich wieder bleiben. Was will ich auf einem Schrottplatz in Berlin…?
Erst am folgenden Tag realisierte ich, dass ich ja einen Aufenthalt in Berlin mit einer Freundin geplant hatte. Es sollte nach der Therapie eine Ablenkung sein, bevor mein Mann auch Ferien hatte.

Die Schlagzeile ‘Hau das Auto’ liess mich nicht mehr in Ruhe. Ich schaute mir die Homepage dieses Schrottplatzes genauer an und siehe da, dort wird es angeboten, ‘Hau das Auto’. Der Wunsch, das auszuprobieren wurde immer grösser und ich testete mal zuerst die Reaktion bei meinem Mann, was er davon hielt. Er fand es toll, ‘Mach doch das, wenn das war für dich ist’, war sein pragmatischer Vorschlag.
Der erste Schritt war gemacht, nun musste ich meine Freundin noch fragen, was sie davon hielt auf unserem Trip einen Termin einzuplanen und noch so was Verrücktes, wie ein Auto zu hauen. Eigentlich war es klar, sie ist für fast alles zu haben. Sie fand es ebenfalls eine heisse Idee.
So kontaktierte ich diesen Schrottplatz und hatte sehr unkompliziert einen Termin am 16.05.25 am Rand von Berlin vereinbart. Mein Herz hüpfte und ich war freudig erregt. Jedes Mal, wenn ich während der Infusionen und der Chemo Mühe hatte, dachte ich an diesen Plan.

Am besagten Tag waren wir schon zu früh am Schrottplatz angekommen und bekamen dann gleich ‘unser’ Auto, einen roten Opel Corsa, zusätzlich mit allen möglichen Werkzeugen. Eine Schutzbrille und Handschuhe kamen dann dazu und dann durften wir loslegen.

Habt Ihr schon mal ein Auto demoliert?
Ich nicht, aber überraschender Weise spürte ich keine Hemmungen mit meinem Vorschlaghammer loszulegen. Ich dachte an den Krebs, die Therapie, die Ohnmacht und was ich verloren hatte durch die Krankheit und wumms, schlug ich auf die Kühlerhaube. Ich habe zwar nicht damit gerechnet, dass diese meinen Hammer gleich wieder zurück schnellen liess, weil sie nicht nur aus Blech ist. Aber dies löste nur mehr Energie aus mir und ich kannte kein Bremsen mehr. Ich versuchte mich auch mit einer Axt od. anderen Werkzeugen, aber der schwere Vorschlaghammer wurde mein Favorit.
Meine Freundin war etwas zurückhaltender, aber ich wollte und musste weiter machen. Der Mitarbeiter, der uns das ausgeschlachtete Auto brachte, lachte beim vorbei gehen nur und meinte, da gehe aber noch was.
Also, Ärmel hoch und weiter drauf schlagen. Das Auto konnte ja nichts dafür, aber ich stellte mir laufend Bilder vor, was mich in den letzten Monaten beschäftigte. Und ja, ich gebe es zu, an ein paar wenige Menschen habe ich auch gedacht. Ich lasse es für mich nicht zu, viel an die Menschen zu denken, die mir nicht gut getan haben, dafür habe ich zu wenig Zeit. Aber so ein, zwei Menschen mussten schon dran glauben, im übertragenden Sinn zumindest.
Nach der Kühlerhaube ging es auch an die Frontscheibe, den Kofferraum, die Dachscheibe und was so alles an einem Auto hat. Ganz speziell war auch die tiefe Befriedigung, als ich den Seitenspiegel erwischte. Der flog mit einem Wumms quer über den Platz und ich hörte das wiederholte Aufspringen bis er zum liegen kam.
Geplant war eine Stunde, aber nach knapp ¾ Stunden waren wir beide total kaputt. Ausserdem zog ein Gewitter über die Stadt und es fing zuerst an zu donnern und dann heftig zu regnen. Dass wir dann auch noch nass wurden, weil die Regenrinne des Unterstandes überlief, passte wie aufs Auge. Ich fühlte mich befreit, entlastet und unglaublich stolz.

Ja, ein Jahr ist es nun her, aber diesen Tag werde ich bis zum letzten Tag, oder einfach bis mein Gehirn noch funktioniert, nicht mehr vergessen. Ich schliesse die Augen und bilde mir ein, die Gefühle nach dem Hauen wieder zu spüren.

Accept what is; let go of what was; and have faith in what will be.