Angst beginnt im Kopf, Mut auch!

Angst beginnt im Kopf, Mut auch!

14.05.2017:

Einen Tag nach der Diagnose AML im Endstadium, durfte ich nochmal meine gesamte Familie sehen. Es war mir ein Anliegen noch alle zu sehen. Denn vielleicht ist es das letzte Mal. Meine zwei besten Freundinnen kamen ebenfalls nochmal zu Besuch. Ich muss sagen, so sah ich meine Familie noch nie. Sogar mein Bruder weinte. Wir wussten nicht, was auf uns zukommt. Wir mussten jetzt stark sein. Die Angst war uns ins Gesicht geschrieben!

Am selben Abend bekam ich dann Fieber, weil meinem Körper diese Aufregung zu viel war.

15.05.2017:

Am Montag, sprich den 2. Tag nach der Diagnose, wurde ich dann in das Isolierzimmer verlegt und die erste Chemo wurde angehängt. Zuvor wurde mir ein PICC-Katheter am linken Arm gelegt und eine Beckenkammbiopsie wurde durchgeführt. PICCs werden in örtlicher Betäubung und unter Ultraschall- sowie Röntgenkontrolle gelegt. Der Eintritt der PICCs in das Venensystem findet im Bereich der tiefen Oberarmvenen statt. Die Katheterspitze liegt im Bereich des Übergangs der oberen Hohlvene in den rechten Herzvorhof. Die erste Beckenkammbiopsie war spannend, die Ärztin konnte die Biopsie schmerzfrei durchführen und sie zeigte mir dann anschließen das entnommene Knochenmark. Es war schockierend. Es war schneeweiß! Normalerweise ist es dunkelrot wie das Blut.

 

Am Nachmittag ging es dann los. Ich bekam die sogenannte Daunorubicin/Alexan 3+7 Chemotherapie. Es wird als Zytostatikum im Rahmen der Kombinationschemotherapie von akuten Leukämien verwendet. Es war einfach mal eine Einsteigerchemotherapie um die akute myeloische Leukämie zu stoppen. Den unbehandelt, hätte meine akute myeloische Leukämie in kürzester Zeit zum Tot (2 Wochen ca.) geführt. Leukämiezellen haben die Eigenschaft, dass sie sich irrsinnig schnell vermehren und zum Tode führen! In meinem Fall, bei 95% Prozent Krebsbefall, ging es um jede Stunde!

 

Sie lief 7 Tage lang 24 Stunden durchgehend in meinen Körper hinein. In den Bauch stachen sie mir ein Staber’l,  welche meine Eierstöcke lahm legte. Dies war die sogenannte Zoladex-Hormonblockade. Mit der Zoladex wurden meine Eierstöcke quasi in den Tiefschlaf gelegt und ich kam von einen Tag auf den anderen in einen künstlichen Wechsel! Auf die Frage ob ich jemals Kinder bekommen kann, bekam ich zu diesen Zeitpunkt noch keine Antwort.

Ich muss ehrlich sagen, ich bekam das alles gar nicht mehr mit. Meine Psyche konnte all dies nicht mehr verarbeiten. Ich befand mich in einem extremen Schockzustand, wo die Psyche nichts mehr aufnehmen konnte.

Die Chemotherapie floss 24 Stunden durchgehend in mich hinein. Von heute auf morgen war ich in einem Isolierzimmer weggesperrt und hing 24 Stunden an Chemo, Medikamenten, Bluttransfusionen, Thrombozyten… etc. Ich wusste wirklich nicht mehr, wie mir geschah. Hoffte noch immer, dass es nur ein böser Albtraum sei, aus dem ich bald aufwachen werde. Ein paar Tage zuvor ging ich noch zur Arbeit und jetzt musste ich um mein Leben kämpfen. Ausgang ungewiss!

Einmal am Tag wurde ich für ca. 15 bis 30 Minuten abgehängt um mich steril waschen zu können.

Warum steril?

Schutzkleidung meiner Besucher im Isolierzimmer

Schutzkleidung meiner Besucher

Bei Leukämie wird das komplette Blutbild, das komplette Immunsystem und Knochenmark zerstört. Ich rede da nicht von einem geschwächten Immunsystem, sondern ein Immunsystem, welches auf NULL ist. Die Leukozyten, welche für die Immunabwehr zuständig sind, werden, sowie das komplette andere Blutbild, komplett zerstört. In diesen Wochen ist jeder noch so kleiner Husten, Schnupfen, Körperkontakt mit anderen Personen lebensbedrohlich!

Das heißt, ich war in einem Isolierzimmer eingesperrt. Besuchen durften mich ausschließlich gesunde Personen, keine Kinder und nicht zu viele verschiedene Personen. In diesen Wochen durften mich nur meine Eltern sowie engste Familienmitglieder besuchen. Der Besuch musste durch eine Schleuse. Hier mussten sie sich desinfizieren und eine Schutzkleidung anziehen. Niemand durfte mich anfassen, umarmen, berühren. Meine Kleidung musste mit 90 Grad steril gewaschen werden. Waschen musste ich mich steril mit Betaisodona, da sogar eigene Keime auf der Haut gefährlich werden konnten. Täglich musste ich eine steril verpackte Einweg-Zahnbürste verwenden. Ich durfte den Boden NIE berühren. Das heißt, wenn z.B. eine Fernbedienung runterfiel, dann musst ich das Pflegepersonal bitten, dass diese sie aufheben und gründlich desinfizieren.

Schlaf bekam ich nicht viel, da ich rund um die Uhr an den Infusomaten hing. Zusätzlich wurden mir in der Nacht “Express-Chemos” , wie ich sie gerne nannte, angehängt. Diese liefen in ca. 30 Minuten hinein. Dazu noch Bluttransfusionen, damit ich nicht komplett zusammenbreche.

Ich war extrem müde und schlief viel. Hatte kaum Kraft. Fieberte auf, dann wurden viele Blutkulturen abgenommen, um den Keim sofort mit dem richtigen Antibiotikum abzutöten. Es musste immer sehr schnell gehandelt werden, da ein Infekt mich töten konnte. Die Ärzte rechneten mit einem Organversagen durch diese Chemotherapie. Ich hatte viel Durchfall, offene Schleimhäute, da die Chemo sämtliche Schleimhäute angriff. Gegen die Übelkeit bekam ich gute Medikamente. Essen konnte ich dennoch nichts, weil mir vor allem grauste und ich nichts mehr runterbekam.

Zusammenfassend: Der erste Chemo-Zyklus dauerte 7 Tage, 24 Stunden durchgehend. Ca. eine Woche nach der Chemo war das Blutbild und die Zellen komplett am Tiefpunkt. Nach 14 Tagen verlor ich alle Haare. Es dauert ca. 3-4 Wochen bis wieder neue Blutzellen gebildet werden. Soweit kam es bei mir nie, weil dann gleich der nächste Chemo-Zyklus kam. Meine Organe hielten Stand, nichts versagte. Ich fieberte oft hoch auf über 40 Grad. Dieses Fieber ist anders zu beschreiben, als herkömmliches Fieber. Der Körper reagiert auf die Chemo, reagiert auf Keime. Kann sich von selbst gegen nichts wehren, weil die Immunabwehr komplett fehlt. Ich bekam literweise Antibiotikum und zahlreiche Medikamente.

Bei dieser Chemo hatte ich nur eine leichte Mukositis (Schleimhautschädigung). Ich konnte mit Müh- und Not essen. Gegen die Mundschleimhautschädigung musste ich alle 2 Stunden eine Mundspülung durchführen. Dies war sehr wichtig, um bei den offen Stellen keinen Keim hineinzubekommen.

Die Nebenwirkungen von Daunorubicin erklären sich durch die wachstumshemmende und zellgiftige Wirkung bzw. den Wirkungsmechanismus von Daunorubicin. Prinzipiell werden alle Gewebe, welche eine hohe Wachstums- bzw. Zellteilungsrate haben (Schleimhäute, Haare, Blutbildung in Knochenmark) bevorzugt geschädigt. Eine Besonderheit ist die Kardiotoxizität (Herzschädigung) von Daunorubicin.