Fünf Jahre Antihormontherapie
Fünf Jahre Antihormontherapie
August 2021 – August 2026. Fünf Jahre. Fünf Jahre Antihormontherapie. Fünf Jahre Tamoxifen. Eine kleine Tablette, deren Einnahme mir nach der Akuttherapie als Schutzschild gegen ein Rezidiv empfohlen wurde. Ich nahm sie ein. Jeden einzelnen Tag. 1825 Mal.
Anders als geplant, setze ich das Medikament jetzt aber nicht ab, sondern gehe in die Verlängerung. Warum und weshalb, ich diese Entscheidung traf und welche Emotionen mich bei der Entscheidungsfindung begleiteten, erzähle ich dir in diesem Blogtext.
Interessiert? Dann bleib´ hier und lies dich ein. Ich freue mich.
Laufzeit: 5 Jahre Tamoxifen
Im Juli 2021 beendete ich mit der letzten Bestrahlung meine Akuttherapie. Ich erhielt dann, als ich schon wieder zu arbeiten begonnen hatte, noch ein gutes halbes Jahr Infusionen und zudem startete ich mit der Antihormontherapie in Form einer Tablette. Tamoxifen.
Sideinfo: Adjuvante endokrine Therapie und Co.
Die Medizin kann die Eigenschaften von Krebstumoren immer genauer bestimmen und ausgehend davon Patient*innen immer individueller behandeln. Aufgrund der Beschaffenheit meines krebsigen Mistkerls steht mir also im Leben nach Krebs die Möglichkeit der Weiterbehandlung in Form der Antihormontherapie offen. Diese Chance haben Patientinnen mit einer anderen Brustkrebsvarianten wie z.B. dem triple negativen Brustkrebs nicht..
Fakt ist: Ausgehend von den zu diesem Zeitpunkt geltenden Empfehlungen und Leitlinien wurde mir gesagt, dass ich mich nun fünf Jahre lang in der Antihormontherapie befände. Ich hörte das, ohne ernsthaft zu realisieren, was fünf Jahre Antihormontherapie bedeuten würden. Ich hatte zwar keine rechte Lust auf weitere Medikamente nach der Chemozeit, erbat mir eine kurze Pause und dachte dann ein paar Wochen später naiv-nüchtern: „Annette, das ist ja jetzt nur eine Tablette!“
Und so nahm ich an einem Abend im August 2020 die erste unscheinbar aussehende kleine weiße Tablette ein.
Von da an hatte ich nun täglich das antihormonelle Tablettenvergnügen. Egal, ob wochentags oder an meinem Geburtstag, im Hotel oder daheim, bei Temperaturen unter Null oder bei Hitze. Meist ging es gut, manchmal blieb sie im Hals stecken, ab und zu löste sie sich im Mund auf und es staubte.
Über die erste Zeit in meinen Leben zwischen Chemo-Nachwehen und Anschlusstherapien gibt es einen Blogtext und deshalb verzichte ich an dieser Stelle drauf, dir von meinen emotionalen Befindlichekeiten, meiner körperlichen Konstitution und den mentalen Tricks zu erzählen, mit denen ich mich in mein Antihormontherapieschicksal stürzte.
Vor zwei Jahren gab’s für mich dann noch ein Antihormontherapie-Upgrade und seitdem werde ich zusätzlich zu Tamoxifen noch gespritzt.
Mir war schnell klar: Die Tablette war niemals “nur“ eine Tablette und die Tabletten-Spritzen-Kombi hat es in sich. Ja, mein Antihormontherapienebenwirkungspäckchen wurde mit der Zeit definitiv schwerer und die verfrühten künstlichen Wechseljahre zeigen ihre Wirkung.
Ja, bei Lichte betrachtet. führe ich ein absolut gutes Leben zwischen Familie, Jobs, Freizeit, Ehrenamt und Krebsblog führe. Aber wisst ihr, das mit diesem „Mir geht´s gut!“ ist es ja immer so eine Sache. So eine relative und subjektive Sache.
Was für dich, liebe Leserin, schlimm ist, ist für mich vielleicht gut zu handeln. Was für dich Schmerzen sind, ist für mich vielleicht die Hölle. Und ja… Vielleicht kam ich auf lange Sicht gesehen besser mit den Nebenwirkungen zurecht wie manch andere Dame. Vielleicht aber auch nur, weil ich so viel Sport mache, an meiner mentalen Stärke arbeite oder immer wieder und ganz fest auf die Zähnen gebissen?
Zwar schluckte die Tablette selten fröhlich und sang auch nie, wenn ich die Spritze bekam. Und weißt du was? Ich sammelte in einer Tasche in meinem Badezimmerschrank jeden einzelnen leeren Tablettenblister. Um mich ans Dranbleiben zu erinnern und mir zu zeigen, wie weit ich es schon gebracht haben.
Und so blieb ich dran. Fünf Jahre lang.
Meilenstein erreicht und rein ins Gedankenkarussell
Jetzt vor ein paar Tagen war das von meinen Ärztinnen und Ärzten empfohlene Einnahmesoll von 5 Jahren erfüllt. Der Kulturbeutel in meinem Badezimmerschrank war orall gefüllt.
In meinem Kopf ploppte die Frage auf: “Antihormontherapie beenden oder weitermachen?”
Diese Frage traf mich recht unerwartet. Mir war gar nicht so klar gewesen, dass ich wohl insgeheim im Hinterkopf ein Ende der Einnahme nach 5 Jahren abgespeichert hatte.
Auch war mir nicht so klar gewesen, dass hinter der Frage nach dem Absetzen eigentlich eine weitaus tiefere Fragestellung steckte. Irgendwie ging es da um mich und mein Leben so im Ganzen und überhaupt…
Wer wäre ich ohne Tamoxifen und Trenantone? Wie würde mein Leben aussehen ohne die verfrühten Wechseljahrbeschwerden? Hätte ich keine Brainfogtage, an denen ich Dinge vergesse, mich schlecht konzentrieren kann und irgendwie benebelt durch die Gegend renne? Wäre ich immer ausgeglichen, weil die Stimmungsschwankungen ausblieben? Hätte ich straffere Haut? Würde ich besser schlafen? Wäre ich emotionaler, weil ich mehr Östrogen im Körper hätte? Hätte ich weniger Beschwerden durch tageweise anschwellende Knöchel und Hände? Wäre ich in meiner Partnerschaft ausgeglichener? Als Mutter ausgeglichener? In der Partnerschaft relaxter? Würde ich besser schlafen? Hätte ich weniger Hitzewallungen? Wäre meine Haut straffer? Wäre ich auf dem Rad oder in den Joggingschuhen schneller unterwegs? … Hätte ich dies nicht? Wäre das anders? Könnte ich jenes besser?…
Ach ja, ich würde zu gerne wissen wie es, wie ich, wie mein Leben so wäre ohne Antihormontherapie. Aber auch wenn ich die Tablette ein paar Tage nicht schlucke oder die Spritze mal nicht bekomme, wüsste ich es noch immer nicht. Zumindest nicht auf die Schnelle, möglicherweise nach einem halben Jahr Pause..
Aber vielleicht kämen dann beim Re-Start mehr Nebenwirkungen auf mich zu als ich davor hatte. Oder vielleicht würde ich feststellen, dass manches genauso da wäre wie bisher. Vielleicht als Nachwehen der Chemo, vielleicht auch einfach als Beiwerk des normalen Alterungsprozesses.
Was soll ich sagen? Ein paar Tage versank ich im Denken, im Grübeln, im “Was wäre wenn, der Krebs nicht in mein Leben gekommen wäre?”…
Ja, ich verfluchte mein Schicksal! Ja, ich bemitleidete mich selbst! Ja, ich motzte! Ja, ich wurde immer übellauniger. Denn der Krebs, den ich doch eigentlich mittlerweile so gut in seine Schranken verweisen konnte, nahn nahm unverschämterweise gerade einen großen Raum in meinem Leben ein. Hätte ich die Diagnose nicht gehabt, hätte ich keine Medikamente genommen, müsste ich jetzt nicht über sie nachdenken…
Herrje, ich wurde richtiggehend sauer und wütend, weil der Krebs da plötzlich so viel Raum in meinem Leben einnahm und ich darauf keine Lust hatte.
Ich grübelte und nutzte außerdem eine Therapiesitzung mit der weltbesten Pschotherapin, der lieben Frau W. darauf (Danke an dieser Stelle von Herzen fürs Geraderücken-von-Zweifeln, fürs Erden, fürs Halten, fürs Zuhören…)
Die Quintessenz war “Es gibt nicht die falsche Entscheidung.“
Das war erfrischend, das war beruhigend, das tat gut. Aber dennoch konnte ich noch immer nicht sicher sagen, wie ich mich entscheiden sollte.
Doch all die Sätze mit Vielleicht, möglicherweise, hätte, wäre, könnte waren hypothetisch und führten schlussendlich zu nichts. Ich kann nicht in die Zukunft blicken und schon gar nicht in eine Zukunft, die eine andere Vergangenheit hat als die jetzige.
Sicher war und ist, dass ich sowieso nie mehr die Annette von vor dem Krebs, von vor November 2020, werden könnte. Denn auch ohne meine Diagnose wären Jahre ins Land gegangen, in denen ich älter geworden wäre, in denen mein Leben sich privat und beruflich verändert hätte. Nicht zu vergessen die Coronapandemie, die so oder so gekommen wäre und mich bzw. mein Leben irgendwie verändert hätte.
Wer weiß denn schon, wie ich jetzt wäre, wenn es anders gewesen wäre? Und wäre ich dann jetzt überhaupt eine Person, der es besser ginge? Wer weiß das schon?
Ich bin jetzt anders. Ich bin jetzt die Annette 2.0, da lässt sich nicht dran rütteln.
Fakten müssen her
Mir war klar, dass dieses Hirnen mir nichts bringen würde außer schlechter Laune. Und die machte auf lange Sicht hin Kummerfalten auf der Stirn. Darauf hatte ich keine Lust, Lachfalten sind doch weitaus schöner, oder was denkst du?
Und so stellte ich in den pragamtisch-logischen Modus um. Las mich durch ein paar Instaposts und Krebsforen, fragte Ki, ging auf die Suche nach den neuesten Erkenntnissen und Empfehlungen aus der Krebsforschung und befragte bei einer Nachsorgeuntersuchung auch meine Gynäkologin.
Kurz zusammengefasst kam ich immer wieder zu denselben Ergebnissen:
„Eine Basisdauer der Antihormontherapie von fünf Jahren bleibt das Fundament für fast alle Patientinnen, um das Risiko eines Rezidivs (Rückfalls) effektiv zu senken. Eine Verlängerung über die 5 Jahre hinaus (7-10 Jahre) bringt statistisch gesehen einen signifikanten Überlebensvorteil und schützt vor Spätrezidiven.“ (genauere Infos z.B. hier oder hier)
Tja, nun hatte ich also subjektiv-emotional gehirnt, selbstmitleidig geweint, genervt geflucht und konnte obendrauf noch knallharte Fakten setzen. Zuguterletzt fiel mir dann mein eigenes Geschwätz vor die Füße, um es mal salopp zu formulieren. Beim Aufräumen im Arbeitszimmer (Ablenkmanöver vor meiner Nachsorgeuntersuchung) war mir ein Flyer in die Hände geraten. Ein Flyer von Novartis. Ein Flyer mit einer Frau darauf, die was vom nächsten Schritt erzählt, der sie ihrem Ziel näherbringt. Ein Flyer mit dem Hashtag “Dranbleiberin”. Ein Flyer, auf dem ich mich selbst sah. Die Teilnehmerin einer Kampagne, die Betroffene fürs Dranbleiben in der Antihormontherapie, motiviert.
Heute schien es nun an der Zeit zu sein, mich selbst mit meinem eigenen Flyerfoto zu motivieren. Und so nahm ich das Faktenwissen, paarte es mit meiner körperliche Konstitution, würzte es mit meinem mentalen Standing und beträufelte es mit dem Dranbleiberin-Motto und traf meine Entscheidung:
Ich gehe in die Verlängerung.
Ich bleibe dran.
Mein neues Ziel sind 7 Jahre Antihormontherapie.
So habe ich mir vorgestern die nächste Dosis Trenantone spritzen lassen und in der Apotheke die nächste Packung Tamoxifen geholt.
Im Glauben an die Medizin.
Im Vertrauen darauf, dass gut bleibt, was gut ist.
Aber auch mit dem absoluten Wissen darum, dass der Krebs schon morgen wiederkommen kann.
Es gibt auch für mich, Annette Holl, keine hunderprozentige Garantie dafür , dass die Medikamente bei mir wirken, bis ich alt und zittrig im Lehnstuhl sitze.
Es gibt aber auch keine Garantie dafür, dass jemand, der nie an Krebs erkrankt war, diesen Moment im Lehnstuhl erleben wird. Ich, du, er, sie, es, einfach absolut jede und jeder von uns kann morgen vom Auto überfahren werden oder einfach morgen früh nicht mehr aufwachen. Das geht auch ohne Tumor in der Brust oder Metastase im Rücken.
Es gibt nun mal keine hundertprozentige Garantie im Leben. Für keine und keinen von uns. Punkt.
Weise Worte zum Schluss
Liebe Leserin dieses Textes, du bist auch in der Antihormontherapie?
Dann sieh meinen Text, sieh meine Gedanken und Schlussfolgerungen, bitte als Beispiel und keinesfalls als Wegweiser.
Dies ist MEIN Weg. Und der fühlt sich angesichts MEINER Diagnose, MEINEM Alter zum Zeitpunkt der Erkrankung, MEINER körperlichen Konstitution, MEINER mentalen Einstellung, MEINER familiären Situation FÜR MICH richtig an.
Vielleicht leidest du an übelste Glenkschmerzen hast, hast heftig unter tamoxifenbedingem Braingog zu leiden oder bist einfach antihormonthapiemüde. Dann gesteh dir das zu. Dann akzeptiere das. Dann tu das, was sich für dich richtig anfühlt. Dann bleibe nicht dran um jeden Preis, sondern lasse ggf. los, was zu schwer auf dir lastet.
Am Ende des Tages kann nur jede von uns für sich selbst entscheiden, was sie tragen kann und was nicht… Ich wünsche dir, dass du da draußen deinen ureigenen Weg findest, den du im Vertrauen gehen kannst. Alles, alles Gute dir und allen anderen, die sich auch in der Antihormontherapie befinden.
MEIN antihormoneller Weg geht in die nächste Runde. Ich bleibe dran und schlucke heute Abend die 1827. Tamoxifentablette. Für mich. Für meine Familie. Für mein Leben.
