Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at

Ist das noch gesund?

Empfinde ich das tatsächlich so? Entsprechen meine Gedanken diesen Gefühlen, die ich in mir spüre? Tue ich mir damit etwas Gutes?

Es hat in meinem Leben eine Zeit gegeben, in der meine Antwort auf alle dieser Fragen ein klares Ja gewesen ist. Und es war nicht alles schlecht. Ich hatte auch nichts Schlechtes damit beabsichtigt. Im Gegenteil. Meine Intentionen waren allesamt positiv gerichtet. Was ich mir damit angetan habe, habe ich erst vor kurzer Zeit begriffen.

Wie ich bereits auf meinem Instakanal mein_leben_3.0 berichtet habe, strauchle ich seit vorigem Jahr mit meiner psychischen Gesundheit. Meine Seele tut mir weh. Irgendwann hat es angefangen, ich kann selbst nicht den Zeitpunkt benennen. Mir ging es immer schlechter, obwohl sich nichts verändert hat. Ich wurde fast allen überdrüssig, ertappte mich oft dabei, dass mir vieles nicht mehr so viel Freude wie gewöhnlich bereitet hat.

Im Urlaub hatte ich mich noch großartig gefühlt, und kaum war ich zuhause, ist es schon bergab gegangen. Ein behördlicher Anruf hat genügt, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen und verzweifeln zu lassen. 

Dass der Termin für meine psychokardiologische Reha bereits feststand, das hat mir etwas Trost gegeben. Meine größte Hoffnung war, dass ich damit vielleicht herausfinden kann, was bei mir aus dem Gleichgewicht geraten ist (in meinem eigenen Worten: was kaputt geworden ist) und wie ich mir mein Leben etwas leichter gestalten kann.

In kardiologischer Gesundheit passiert gerade etwas. Besser gesagt, ein Umbruch. Schon seit ich erkrankt bin, weiß ich, dass die meisten Kardiologen die Seele und das Herz als eine Einheit betrachten. So weit, so gut. Was sich geändert hat, ist, dass die Seele jetzt auch viel mehr Aufmerksamkeit bekommt als vor zehn Jahren. Wir, die herzkrank sind und deswegen psychisch straucheln, haben seit ein paar Jahren die Möglichkeit bekommen, eine kombinierte Rehabilitation zu absolvieren.

Und so begab ich mich am 23. Oktober nach Bad Tatzmannsdorf im Burgenland. Nun ja, wird vielleicht eine oder anderer sagen, schön und gut, aber was hat das mit dem Krebs zu tun? Wieso schreibt sie darüber?

Ich kann dir sagen, viel. Sehr viel. Mit dem Rehaprogramm will ich dich nicht langweilen, das schaut fast überall gleich aus. Eine Mischung aus Krafttraining, Ergometer, Schwimmen, Wandern, das übliche halt. Ich will mit meiner Psyche fortfahren.

Es ist während eines Vortrags passiert, als es um die Ansichten gegangen ist. Wie sehen wir das, was in unserem Leben passiert, worauf konzentrieren wir uns, was nehmen wir wahr? Sehen wir nur das Schlechte, das Gute oder doch beides? Was ist unsere Wahrnehmung? Bei mir ist ein Knopf aufgegangen als hätte jemand puff gesagt. Auf einmal habe ich klar gesehen.

Es ist mir wie die sprichwörtlichen Schuppen vor den Augen gefallen. Ich habe begriffen, dass meine Einstellung nicht falsch war. Im Gegenteil, es ist schön, wenn sich jemand an die schönen Seiten des Lebens konzentriert und dadurch vieles erleichtert. Was, also, habe ich falsch gemacht? Ich kann dir das genau sagen. Den Feind benennen.

In dieser ganzen positiven Einstellung und dem Optimismus habe ich vergessen, dass ich durchaus auch schlechtes sehen darf, wenn so etwas passiert. Statt zu sagen, ok, ich habe die Krebsdiagnose bekommen, ich hätte aber genauso schon seit sechs Jahren tot sein können (wir wissen ja: die Wiederbelebung), also nehme ich die Diagnose einfach hin und schaue wie ich damit klar komme, hatte ich auch die folgende Möglichkeit: Ich könnte mir selbst gegenüber ehrlich sein und die Sache so betrachten, wie sich war. Schlecht. Sehr schlecht. Eine Tragödie. Die Welt brach wieder zusammen. Meine Welt. Sie geriet wieder ins Wanken.

Und ich rückte sie zurecht, in dem ich mir das Ganze schön geredet habe. Du fragst dich vielleicht, was hätte das geändert. Wieso war das ein Fehler? Wir müssen ja positiv bleiben. Kämpfen. Wie ich dieses Wort hasse, kann ich gar nicht beschreiben. Gegen wem kämpfe ich, gegen meinen Körper? Ich kann den doch nicht verlassen.

Wieso macht das etwas aus, wie ich das gesehen habe? Die Antwort ist leicht. Sehr leicht. Ich habe mir damit die Möglichkeit genommen zu trauern. Um mein Leben, um das was auf mich zukommt, darum, dass sich mein Leben wieder verändern und meine Gesundheit noch fragiler werden wird. Statt dessen hörte ich von der Familie und den Freunden, du musst jetzt stark sein und gab ihnen recht. Wenn ich heute so was höre, antworte ich einfach, das weiß ich selbst.

Und das hat mich kaputt gemacht, unter anderem. Es macht jedoch einen großen Teil und ich habe eine Menge daraus gelernt. Ich weiß jetzt, dass ich sagen kann, ich habe es überlebt, aber es war ein Stück Scheibe. Es ist normal so zu empfinden. Statt mich zu fragen, was ist besser, tot zu sein oder am Krebs zu erkranken, kann ich auch sagen, so ein Käse, was da wieder passiert. Es hätte an meiner Diagnose oder dem Outcome nichts verändert. Nur meine Seele wäre dadurch etwas weniger angeknackst.

Wie geht es weiter? Ich bin noch lange nicht fertig. In meinem Leben und meiner Seele liegt noch viel, was raus will. Die Psycho- und Traumatherapie wird mich in nächster Zeit begleiten. Es ist die höchste Eisenbahn.

Was habe ich daraus gelernt? Viel. Ich darf empfinden. Es sollte nichts schön geredet werden. Die Toxizität kommt auf den leisen Sohlen. Sie nistet sich in deiner Nähe ein und wartet auf den Augenblick, in dem sie voranschreiten kann, ohne dass dir irgendetwas davon auffällt. Und wird immer größer, wenn du sie nicht bemerkst.

Gefühle sind dazu da, gelebt zu werden. Positive wie negative, traurige wie fröhliche. Ich darf in einem Moment lachen, im nächsten weinen, und dann wieder lachen.

Wir sind Menschen. Wir fühlen, und das ist gut so.

Alles nur erdenklich Liebe

Miri

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