Relatives Gleichgewicht
Relatives Gleichgewicht
12.07.2026
Ich habe mir mal meine Beiträge durchgelesen und dabei festgestellt, dass sich die Themen anfangen zu wiederholen. Diese Themen sind halt das, was mich beschäftigt und sich somit wiederholt bei meinem Krebs, bei meinem Glioblastom.
Je länger die Zeit seit meiner Diagnosestellung vergangen ist, desto mehr wird es für das Umfeld ‘normaler’, dass ich noch da bin und ‘vergessen’ meinen Krebs. Ich selber habe mich nun auch schon bei dem Gedanken ertappt, dass es so weitergeht und schon nichts mehr passieren wird.
Ich schelte mich selber, die Diagnose ist noch da, nur schon die regelmässigen Termine lassen mich das nicht vergessen. Wie auch nicht die stillen Momente, in welchen ich einfach nur Angst habe, die Fatigue mich überrollt, ich Schmerzen bekomme.
Oder ich an meine Grenzen komme! Diese Grenzen, die nicht mehr da sind, wo sie früher mal waren.
Gerade letzte Woche hatte ich mit einer Sommergrippe, also mit einem grippalen Infekt, zu kämpfen. Halsweh, dann Schnupfen und noch einen mächtigen Husten, der sich so schön auf mein Asthma ‘gelegt’ hat. Ich war nur noch fix und alle, hatte erhöhte Temperatur, mochte kaum aufstehen und hatte null Energie. Es dauerte viel länger, als früher, bis ich einigermassen auf die Beine kam.
Ganz schwierig wurde es, als anfangs Juni mein Vater starb. Er wurde 94, durfte ein langes Leben erleben und war geistig bis zum Schluss noch präsent. Er musste nicht mehr fest leiden, die Palliativmedizin hat auch Fortschritte gemacht. Neben der Trauer, die ich zuerst gar nicht wirklich fühlte, kam der administrative Kram, der mich auch total an die Grenzen brachte. Ich bin, rsp. ich war, Sozialarbeiterin und solche Aufgaben waren mein Tagesgeschäft. Ich war schnell im Schreiben, erfasste die Sachlage fix und erledigte Aufgaben speditiv und effizient. Zuerst dachte ich noch, es habe vor allem damit zu tun, dass es halt um ein nahes Familienmitglied gehe und ich deshalb mehr Mühe hatte.
Doch dann bekam ich diesen Satz zu hören, der mich auf den Boden der Tatsachen stellte. Es gäbe ja einen Grund, warum ich nicht mehr arbeiten könne, Belastungen mich an Grenzen bringe und das ja auch so im Arztzeugnis geschrieben sei.
Puff, na klar!
Mein Mann und eine Freundin brachten es schmerzlich auf den Punkt. Es geht nun mal nicht mehr so, wie es einst war. Wir altern alle, unvermeidlich trotz Longevity und Kosmetikindustrie. Doch wie es auch ‘mein’ Onkologe sagte, ich hätte einen Sprung gemacht, der mich ungefähr 10 Jahre älter werde liess, von einem Tag auf den anderen. Und das sei nicht so einfach zu integrieren.
Ich muss auch akzeptieren, dass ich nun mehr auf Unterstützung angewiesen bin.
Ich fühlte mich in diesen belasteten Situationen plötzlich, als wenn ich mit Vollgas in eine Scheibe lief. Wissen ist das eine, Fühlen eben doch das Andere. Ich dachte, ich hätte es soweit akzeptiert, dass ich krebskrank bin und die Langzeitfolgen nach wie vor da sind. Gute Momente lassen es mich zunehmend in den Hintergrund rücken, doch dann kommt irgendwo wieder ein Hammer und ich bemerke zuerst gar nicht, was nun los ist.
Wie eine Waage braucht es die guten Momente, die ausgleichen, was schwierig ist. Im besten Fall, ergibt sich ein relatives Gleichgewicht, manchmal überwiegt sogar das Gute. Doch diese Waage ist nie, nie, nie immer gleichen Stand. Sie ist ständig in Bewegung, was jetzt gilt, kann kurz darauf schon wieder anders sein.
Wenn ich also gefragt werde, wie es mir geht, dann kommt mir wiederholt wieder diese Waage in den Sinn. Es geht mir nicht gut, es geht mir nicht schlecht. Es kommt immer darauf an, wo diese Waage gerade steht. Auch wenn man es mir nicht ansieht, ich tolle Momente geniessen kann, was das Zeugs hält, ist da immer auch die andere Seite. Die Diagnose geht nicht weg, ich kann nur immer wieder versuchen auszugleichen, wenn es schwierig wird. Ich habe ein Glioblastom, doch ich lebe gerne noch.
Accept what is; let go of what was; and have faith in what will be.
