Unter dem Motto „talk about cancer“ beschäftigen wir uns mit den vielen Facetten einer Krebserkrankung.hello@kurvenkratzer.at

Eine alte Frau im Krankenhaus

Heute geht es nicht um Krebs. Heute geht es nicht um mich. Ich habe darüber nachgedacht und entschieden es dennoch hier zu posten. Denn wir alle, die wir Krebs haben, machen, auf die einander andere Art, Krankenhauserfahrungen und ob die Frau neben mir nun Krebs hat oder irgendwas anderes spielt für die Intention meines Textes keine Rolle.

Ich musste erst vor kurzem erleben wie schnell Bettlägerigkeit einen Muskelmasse und Kondition kostet und wie schwierig es ist wieder aufzustehen, wenn man Tage oder wochenlang lag. Mit steigendem Alter wird das immer nur schwieriger.

Hier also mein Text über meine Zimmernachbarin und darüber warum ich daneben liege (oder eben oft auch nicht liege) und ein wenig verzweifle:

 

 

 

 

Sie liegt im Bett und tut nichts. Ihre Haut ist eingefallen, sie wiegt keine 50kg mehr. 40 vielleicht noch. Die meiste Zeit sind ihre Augen geschlossen. Sie ist schwerhörig und auf einem Auge Blind. Wenn jemand vom Personal reinkommt macht sie ein Hörgerät rein. Verstehen tut sie trotzdem nicht viel.

 

Sie liest nicht, sie telefoniert nicht, sie schaut nicht fern. Sie liegt einfach da und existiert. wirklich schlafen tut sie nicht, wirklich wach ist sie auch nicht. Totale Isolation.

Immer Mal wieder geht sie zur Toilette. Das Zimmer verlässt sie nie. Sie trägt immer Nachthemd. Manchmal zieht sie sich ein frisches an.

Sie ist klar im Kopf und kann sich klar Artikulieren. Am Anfang wusste ich nicht ob sie überhaupt reden kann.

 

Sie isst und trinkt selbstständig und braucht auch keine Pflege.

Ihre Grunderkrankung ist unschön, aber therapierbar. In wenigen Tagen wird sie das Krankenhaus verlassen.

Bald wird sie wieder ihren eigenen Haushalt führen.

 

Sie bekommt jeden Tag Besuch von ihrem Sohn. Hin und wieder kommt auch ihr Mann. Sie verabschiedet ihn mit einem Kuss und flüstert zärtlich “ich denke immer an dich”. Selten etwas berührenderes erlebt.

89 und 90 sind die Beiden. Für einander gemacht.

 

Wenn sie keinen Besuch hat liegt sie da. In ihrem Bett. Sie bewegt sich nicht und sie tut nichts.

Alle sind nett zu ihr. Alle sind bemüht. Aber warum holt keiner sie aus dem Bett?

 

Sie ist durchaus mobil. Die Zeit hier im Krankenhaus wird sie Kraft und Kondition kosten. Warum gibt es kein Angebot für solche Fälle? Oder greift es nur nicht?

Das ist Bettlägerigkeit ohne Grund. Es fällt mir schwer das mit anzusehen.

 

Ich versuche sie zu ermutigen ohne Druck aufzubauen. Frage sie ob sie die Patientenküche schon gesehen hat. Hat sie nicht. Sie hat das Zimmer noch nicht verlassen erklärt sie mir. Ich erzähle ihr, dass es einen Aufenthaltsraum gibt, mit Tischen und Stühlen und Zeitschriften mit Klatsch und Tratsch. Direkt neben der Patientenküche. Das findet sie schön. Sie versteht nicht was ich ihr sagen will.

 

Es ist nicht mein Problem.

 

Patientinnen mit Femurfraktur werden heute sofort operiert. Auch hochbetagte. Schon am Post-OP-Tag werden sie wieder mobilisiert. Nur keine Bettlägerigkeit erzeugen.

Diese Frau könnte einfach aufstehen und rausgehen. Vermutlich greifen deshalb keine Maßnahmen. Niemand fühlt sich berufen, niemand hat Kapazitäten mit ihr durch die Station zu laufen.

 

Ich habe am eigenen Leib erfahren wie viel Kondition einen wenige Tage im Bett kosten können. Ich finde es besorgniseregend was hier passiert.

 

Die alte Frau liegt neben mir und schnarcht. Jetzt schläft sie. Sie ist den ganzen Tag müde, hat sie mir erzählt.

Wer bin ich ihr zu erklären, dass sich das nicht ändern wird wenn sie nicht aufsteht?

 

In wenigen Tagen wird sie entlassen. Ich wünsche ihr nur das Beste. Ich hoffe sie ist dann noch fit genug um einen eigenen Haushalt zu führen. Es wäre sehr traurig, wenn man ihr medizinisches Problem behebt und sie mit einem anderen, vielleicht schwerwiegenderen Problem nach Hause schickt.

Jetzt teilen