Wenn die Angst zu laut wird…
Wenn die Angst zu laut wird…
Meine Akuttherapie ist längst geschafft. Die Antikörpertherapie, die noch ne Weile darüber hinausging, auch. Der Port ist raus. Ich arbeite längst wieder. Bin voll im Alltag und mitten im Leben angekommen.
Und trotzdem, trotzdem, trotzdem klopft ab und zu die Angst bei mir an. Was, wenn da doch nochmal was nachkommt? Was, wenn der Arzt bei der nächsten Nachsorge doch was findet? Was, wenn ich doch nicht so gut davongekommen bin?
Antworten auf all das gibt es nichts. Aber Tools, die mir helfen, diese Fragen zwar zu hören, sie aber nicht zu laut werden zu lassen und es leichter ertragen zu können, sie unbeanwortet stehen zu lassen.
Welche das sind, erzähle ich dir in diesem Blogtext.
Alles geschafft – Und jetzt?
Ich nehme weiterhin Medikamente. Bewege mich viel. Ernähre mich bewusster. Kümmere mich um mein Mindset.
Ich achte auf mich und meinen Körper. Für ein langes, gesundes Leben.
Und trotzdem gibt es immer noch Momente, in denen mein Kopf Geschichten erzählt. Vom möglichen Rückfall.
Dann kommt die Angst. Mal laut und bedrohlich groß. Mal leiser und warnend. Mal fast still und dennoch erkennbar.
Ja. Die Angst gehört zu meinem Leben nach Krebs dazu. Aber ich lasse sie nicht übermächtig werden.
- Was mir hilft: Gespräche führen
In meiner Selbsthilfegruppe.
Mit meiner Psychotherapeutin.
Mit mir selbst. Beim Fahrradfahren, beim Spazierengehen, beim Spülmaschine ausräumen oder oder wo auch immer. Irritierte Blicke von Menschen inklusive, die nach meiner/m Gesprächspartner*in suchen.
In diesen Momenten bin ich ruhig, auch wenn ich laut bin.
Dort muss ich nichts erklären.
Dort darf jedes Schimpfwort fallen.
Dort verstehen Menschen.
Dort können die Tränen fließen.
Dort befinde ich mich in einem geschützten Raum, in dem ich nichts zurückhalten muss, um mein Gegenüber zu schützen
Dort gebe ich der Angst bewusst ihren Raum.
Und beim Verlassen des Raumes, beim Schließen der Tür, beim Absteigen vom Rad lasse ich sie zurück und gehe wieder hinein in meinen Alltag, meine Familie, mein Leben.
- Was mir hilft: Meinen Körper spüren
Bei der Massage, Kosmetik und Fußpflege. Behandlungen, die ich mir in regelmäßigen Abständen gönne.
Bei einem Konzertabend.
Beim Joggen oder auf dem Mountainbike. Mit Gewichten in der Hand oder Chlorwasser um mich herum.
In diesen Momenten, in dieser halben, ganzen Stunde oder auch einen Abend lang nichts denken. Singen, tanzen, schwitzen. Mich spüren, bei mir sein.
Dann ist alles gut. Und ich habe keine Angst.
- Was mir hilft: Kleine Zeichen von oben
Ein zufälliger Blick auf die Uhr um 22.22 Uhr.
Ein Einkauf, der 55,55 € kostet.
Eine Feder am Wegesrand oder ein roter Heißluftballon in der Luft. Ein Regenbogen oder ein schön gefärbter Himmel.
So etwas lässt mich lächeln. So etwas macht mich happy. Mich einen kurzen Moment lang Hoffnung, Zuversicht und Glück spüren.
Rational erklärbar ist das vielleicht nicht. Vielleicht doch. Aber ist das wichtig?
Es gibt mir das Gefühl: Ich bin nicht allein. Ich bin vom Universum getragen, von anderen Mächten, ob religiös, spirituell oder einfach harmonieerzeugend – das ist mir egal. Ich fühle es und weiß, dass da etwas existiert. Und das ist es, was schlussendlich zählt.
Ein wundervoller Nebeneffekt meiner universellen Zeichensuche ist, dass immer mehr Menschen in meinem Umfeld auch auf solche Zeichen achten. So rufen meine Kinder ständig “Mama, schau mal auf die Uhr.”, ich erhalte Fotos von lieben Bekannten, die eine Schnapszahl, die sich auf ihrer Uhr oder im Supermarktregal auftut, schicken. Das ist so schön, das tut so gut. Mir und ihnen und uns allen. Wir sind nicht allein.
- Was mit hilft: Fakten und Wissen
Ich frage meine Ärztinnen und Ärzte um Rat.
Ich informiere mich über neue Studien.
Ich lese Bücher, Texte, Erzählungen von Frauen, die vor 5, vor 10, vor noch mehr Jahren ihre Krebsdiagnose bekamen. Und immer noch hier sind.
So wird mein potentielles Risiko nicht übermächtig.
So relativiert sich meine Angst.
So wird mir immer wieder bewusst, dass es solche und solche Geschichten gibt. Dass es die anderen Menschen und mich gibt. Und dass ich nicht zwingend das erleben werde, was anderen widerfahren ist.
Mein Wunsch für dich
Ich wünsche dir, liebe Leserin und lieber Leser dieses Textes, dass meine Worte deine Angst leiser, kleiner, bedeutungsloser machen.
Lass uns gemeinsam daran glauben, dass alles möglich und somit nichts sicher ist.
Halten wir es doch mit Max Giesinger in einem Song und stellen wir uns vor, dass alles gut wird und wir jeden Grund dagegen mit Leichtigkeit besiegen können. Bist du dabei? Ich freue mich. Gemeinsam sind wir viele und um so vieles stärker.
Und noch ein verrückter Gedanke zum Schluss:
Wie wäre es, wenn wir gemeinsam an das Gute glauben würden? Schick mir deine wunder-vollen Zeichen vom Wegesrand, der Supermarktkasse oder dem Himmelszelt. Ich teile eure Fotos oder Geschichten sehr gerne in meiner Instagramstory oder mache einen Post oder Blogtext daraus.






